Von Tilman Neudecker

An Fischen ist den Psychologen David E. Bresler von der University of California in Los Angeles und M. E. Bitterman vom Bryn Mawr College in Pennsylvania gelungen, was vielleicht – in ferner Zukunft – auch beim Menschen einmal möglich sein wird: die Transplantation von Hirngewebe. Die Ergebnisse ihrer aufschlußreichen Experimente, über die sie in der Zeitschrift "Science" (7. Februar) berichteten, sind interessant und vielversprechend: Zusätzliches Gehirn, so zeigte sich, macht Fische intelligenter.

Wie die Forscher berichten, gelang es ihnen mit Hilfe einer diffizilen chirurgischen Technik, Embryonen des afrikanischen Maulbrüters Tilapia macrocephala in sehr frühem Entwicklungsstadium bestimmte Teile der Gehirnanlagen zu entfernen und anderen, gleichaltrigen Jungfischen zu implantieren. Trotz der erwartungsgemäß sehr hohen Mortalitätsrate (die allermeisten Fischchen überlebten diese Operation nicht) konnten durch sorgfältige, sterile Aufzucht in Spezialbehältern insgesamt zehn Embryonen mit Hirnimplantaten großgezogen werden.

Frühere Experimente haben gelehrt, daß beispielsweise Ratten, denen man in frühester Jugend gewisse Partien der Gehirnrinde entfernt hatte, in mancher Hinsicht fischähnliches Verhalten zeigen. Im Gegensatz zu normalen Ratten sind solche Tiere nämlich ebenso wie Fische nur schwer dazu zu bewegen, ein erlerntes Verhalten umzukehren, das heißt, umzulernen und einmal in einer bestimmten Situation Erlerntes einer veränderten Umweltanforderung anzupassen. Werden sie experimentell durch ein Belohnungs- oder Bestrafungssystem doch zu mehrmaligem Verhaltenswechsel gezwungen, so gelingt es ihnen nur mit großer Mühe, und die Fehlerrate bis zum Erlernen des jeweils anderen Verhaltens ist stets gleichbleibend groß. Nicht so bei normalen Ratten und allen Lebewesen, die bezüglich ihrer Intelligenz den Fischen überlegen sind. Zwar fällt auch hier die Verhaltensumkehr anfänglich schwer, aber die Tiere begreifen relativ schnell, was man von ihnen erwartet.

Die Frage ist: Wenn es schon möglich ist, intelligenzmäßig über den Fischen stehenden Tieren durch Entfernen bestimmter Hirnregionen eine nur ihnen zukommende Fähigkeit zu nehmen, sollte es dann nicht auch möglich sein, Fischen mit zusätzlichen Gehirnteilen sozusagen Fähigkeiten zu implantieren, die ihnen, entwicklungsgeschichtlich gesehen, noch gar nicht zustehen? Konkret: Können Fische durch Einpflanzung zusätzlicher Hirnpartien, die bekanntermaßen das Lernverhalten determinieren, die Fähigkeit zur Verhaltensumkehr erlangen, welche normalerweise nur von höher entwickelten Tieren bekannt ist? Lernpsychologische Tests mit den "Superfischen" klärten jetzt das Problem.

Einzeln in Behältern aus schwarzem Plexiglas gehalten, wurden die sechs verbliebenen Tiere (zwei starben aus unbekannten Gründen, zwei weitere konnten nicht an die Versuchsbedingungen gewöhnt werden) zunächst mit der Testsituation vertraut gemacht. Nachdem sie gelernt hatten, ein vorgesetztes farbiges Plexiglasscheibchen zu berühren, um als Belohnung dafür einen Leckerbissen, einen Tubifexwurm zu erhalten, trainierte man drei Fische darauf, von zwei gleichzeitig dargebotenen Scheibchen – eines rot, das andere grün – jeweils das rote zu wählen. Die anderen drei Tiere sollten von zwei gleichfarbigen (roten) Scheibchen jeweils das linke bevorzugen. Damit, daß richtige Wahl stets mit einem Wurm belohnt wurde, falsche Reaktion aber eine kurzfristige Verdunklung des Versuchsbehälters zur Folge hatte, gelang es schließlich, alle Fische zum "richtigen" Verhalten zu bringen; bei vierzig Versuchen pro Tag unterliefen ihnen: jeweils nur noch höchstens.sechs Fehler.

Nunmehr erzwangen die Experimentatoren die erste Verhaltensumkehr. Belohnt wurde jetzt in der ersten Gruppe die Wahl des grünen Scheibchens, in der zweiten die Bevorzugung der rechten Position. Als dann alle Tiere nach mehr oder weniger häufigen Fehlgriffen das geforderte umgekehrte Verhalten zeigten, zwang man sie zu erneutem Umlernen; jetzt waren wieder rot und links erlaubt, grün und rechts verboten. So verfuhren die Wissenschaftler viele Male, bis eine plötzlich aufgetretene Krankheit dem Leben der Fische und damit auch dem Test ein Ende setzte.