Von Alexander Fried

Nach mehr als zehn Jahren Verhandlung werden Italien und Österreich, wenn nicht alles täuscht, demnächst ein Projekt zur Lösung der Südtiroler Frage präsentieren. Mit dieser Vorlage haben sich dann in den kommenden Monaten, vielleicht sogar Jahren, die Parlamente in Rom und Wien und die Südtiroler Bevölkerung gründlich auseinanderzusetzen. Eine dauerhafte Regelung des Minderheitenproblems zwischen Brenner und Salurn erscheint freilich kaum denkbar, wenn sich nicht außer den zuständigen Organen und der unmittelbar betroffenen Volksgruppe auch breite – Schichten der demokratischen Öffentlichkeit nördlich und südlich der Alpen unvoreingenommener als bisher mit der ganzen Angelegenheit befassen und den vorgeschlagenen Modus vivendi bejahen. Das aber wiederum ist nur möglich, wenn man sowohl im deutschen Sprachraum als auch in Italien bereit ist, Verständnis aufzubringen für die komplexe Problematik, die sich, hier wie dort mit Südtirol verbindet. Ein neues Buch, Ergebnis eines jahrelangen intensiven Studiums:

Claus Gatterer: "Im Kampf gegen Rom. Bürger, Minderheiten und Autonomien in Italien"; Europa Verlag Wien, Frankfurt, Zürich 1968; 1478 Seiten; 65,– DM.

könnte dabei helfen, da es eine Menge grundlegender Fakten und wesentliche Aufschlüsse bietet. Gatterers Werk weicht in mancher Hinsicht von der bisher veröffentlichten Südtirol-Literatur ab. Seine Konzeption wird am ehesten an drei Punkten deutlich:

1. "Im Kampf gegen Rom" ist trotz seines Titels keine polemische Kampfschrift. Hier werden nicht von einem gebürtigen Südtiroler den Italienern ihre unbestreitbaren Fehler vorgerechnet und dann politisch illusionäre Forderungen aufgestellt. Gatterer will vielmehr die historischen und aktuell-politischen Verflechtungen aufzeigen, die eine saubere Lösung so unsagbar schwer machen. Er verleugnet mit keiner Zeile seine Zugehörigkeit zur südtiroler Volksgruppe, aber er legt diesem Gefühl die Zügel kritischen Denkens an.

2. Das Südtiroler Problem wird in einen größeren Zusammenhang gestellt – und zwar nicht in den leider so wenig realen europäischen Zusammenhang, sondern in den Zusammenhang des in ganz Italien noch nicht überwundenen Gegensatzes zwischen Zentralismus und Föderalismus, zwischen staatlichem Autoritarismus und regionalem Autonomismus. Für den Autor ist der Kampf der Südtiroler um eine echte Autonomie innerhalb des italienischen Staatsverbandes nur ein Aspekt des Ringens, das auch in anderen Regionen zwischen den bodenständigen Regionalkulturen und dem zentralistischen Moloch Rom im Gange ist, seit der Gedanke des risorgimento verfälscht wurde. Gatterer zeichnet die historischen Entwicklungslinien nach, die vom Scheitern des demokratischen Nationalitätenprinzips im alten Österreich folgerichtig zum Nationalismus und Faschismus und damit in Italien zur Unterdrückung aller Minderheiten (der deutschen ebenso wie der slawischen, der ladinischen und der französischen) und aller Bestrebungen nach Autonomie (besonders in Sizilien und Sardinien) geführt haben. Er macht deutlich, wie schwer es den Italienern auch heute noch fällt, das nationalzentralistische Gedankengut zu überwinden, obwohl eine große parlamentarische Mehrheit den Staat durch regionale Aufgliederung demokratisch akzentuieren möchte.

3. Eine bisher weithin unbeachtet gebliebene Komponente der südtiroler Problematik wird von Gatterer freigelegt und zu Recht als bedeutsam herausgestellt: die regionale Reflektierung des heute auf allen Gebieten und in vielen Teilen der Welt anzutreffenden Gegensatzes zwischen Traditionalismus und Progressismus. Der Autor läßt keinen Zweifel an seiner Überzeugung, daß die Zukunft der deutschen Volksgruppe nicht durch Abkapselung und traditionalistisches Reservatsdenken, sondern einzig und allein durch ein mutiges aggiornamento an den Zeitgeist der sozialen Öffnung und des Dialogs gesichert werden kann. Sehr scharf geht er deshalb mit der örtlichen katholischen Hierarchie ins Gericht. Dem Bischof von Brixen wirft er vor, die Industrialisierung Südtirols allzu lange blockiert zu haben, weil ihm "der patriarchalisch-unterwürfige Bauernknecht lieber (war) als ein selbstbewußter Industriearbeitertyp". Und er charakterisiert den Kurs der deutschsprachigen katholischen Presse in Bozen mit den Worten, sie pflege "ein verdummendes Traditionstirolertum".