London, im April

Irland, so versichern einem die Besucher, habe viel Verständnis für die deutsche Situation; auch Irland sei ein geteiltes Land. Dieser Vergleich ist ungenau.

Immerhin geht nun der Fall Nordirland in die große Politik ein. Der Einsatz der in Nordirland ständig stationierten britischen Truppen zur Aufrechterhaltung der Versorgung hat es endlich auch dem Zentralparlament in Westminster ermöglicht, überhaupt etwas zu dem Bürgerrechtskampf zu sagen.

Achtzehn Monate hindurch hatte der Speaker des Unterhauses jeden darauf abzielenden Verauch dem Zentralparlament von Westminster erheben einer autonomen Region abgelehnt. So schreibt es die absurde Regelung vor: Zwölf nordirische Abgeordnete sitzen in London und dürfen dort über jedes Detail der englischen, walisischen und schottischen Innenpolitik mit abstimmen. Aber die 618 übrigen Volksvertreter des britischen Parlaments haben kein Recht, über elementare Belange der vierten britischen Region – Nordirland – mitzubefinden.

Die Radikalisierung der Bürgerrechtskämpfer ermöglicht es der Zentralregierung, Druck auf das Kabinett O’Neill auszuüben. Dieses Kabinett erscheint seit der unentschiedenen Februar-Wahl zum Belfaster Parlament gelähmter denn je. Kompromißbereite und scharfmacherische Kreise seiner Partei ziehen den Regierungschef in entgegengesetzte Richtungen. 1970 wird es wieder Kommunalwahlen geben, und jeder weiß, was passiert, wenn bis dahin das Wahlrecht, das die Katholiken klar benachteiligt, nicht revidiert wird.

Wie immer man sich irischer Politik nähert, sofort brechen alte Wunden auf. Selbst wenn die extremeren unter den nordirischen. Bürgerrechtlern den Anschluß an das katholische Südirland fordern und er sogar zustande käme, würde das Problem nicht gelöst. Statt einer katholischen Minderheit im britischen Nordirland gäbe es dann eine protestantische Minderheit im republikanischen Gesamtirland. Der Reverend Ian Paisley, derzeit eine dreimonatige Haft abbüßend, würde mit seinen ebenso extremistischen Narren schon dafür sorgen, daß die Wochenenden in Londonderry dann so chaotisch verliefen, wie sie es jetzt auch tun. Hier hilft nur eine heilsame Kombination aus Vollbeschäftigung und Gleichberechtigung. Die Gleichberechtigung können die Briten von London aus erzwingen, die Vollbeschäftigung geht über ihr Vermögen. Nordirland kann also vorerst nur auf einen halben Frieden hoffen. Karl-Heinz Wocker