Mit den Empfehlungen "zur Neugestaltung der Abschlüsse im Sekundarschulwesen", das heißt: der Reform der Oberschule und des Abiturs, legte der Deutsche Bildungsrat in dieser Woche ein Kernstück seiner Arbeit vor, das in engem Zusammenhang mit den Problemen der Hochschule steht.

Schon vor zwei Jahren hatte der Wissenschaftsrat im Hinblick auf den Ausbau der Hochschulen nach 1970 und die wachsende Zahl der Abiturienten die Gretchenfrage nach der Funktion des Abiturs gestellt und keinen Zweifel daran gelassen, daß sich die Hochschulen eines Tages überlegen müßten, ob sie das Abitur weiterhin automatisch als Studienberechtigungsschein anerkennen.

An diese Überlegungen knüpfen nun die Empfehlungen des Bildungsrates an. Sie schlagen vor, "an Stelle der einlinigen Kanalisierung des Stroms der Bildungswilligen in den traditionellen Weg über Gymnasium, Abitur. und herkömmliches Studium eine den individuellen Begabungen und den gesellschaftlichen Erfordernissen besser entsprechende Breite und Vielfalt von Bildungsmöglichkeiten mit gleichem Qualitätsanspruch zu eröffnen".

Als eine Voraussetzung dafür soll es innerhalb des Sekundarschulbereichs künftig zwei qualifizierende Abschlüsse geben, die sowohl in den Beruf als auch auf weiterführende Schulen führen können: Abitur I und Abitur II. Das Abitur I wird nach Abschluß der zehnten Klasse erworben, wobei der Bildungsrat betont, daß er eine allgemeine Schulpflicht bis zur Vollendung des sechzehnten Lebensjahres für erforderlich hält. Das Abitur II eröffnet den Zugang zu den wissenschaftlichen Hochschulen, wenn in den Pflichtfächern die studienbezogenen Kurse erfolgreich besucht werden.

Es sind vor allem Struktur- und Quantitätsprobleme, die den Bildungsrat bei seinen Empfehlungen beschäftigten. Darin nur das Mäntelchen für restriktive Maßnahmen des Staates zu sehen, mit denen der Stau der Studierwilligen vor den Toren der Hochschulen gelichtet und abgeleitet werden soll, wird den Systemkritikern nicht allzu fern liegen. Es führt jedoch kein Weg an der Tatsache vorbei, daß die Forderung nach mehr Bildung für immer mehr Jugendliche nicht zu erreichen ist mit dem traditionellen Bildungskanon, sondern nur mit einem größeren Angebot von zeitgemäßeren Ausbildungszielen. Und das ist kein Quantitätsproblem der Bildungsreform. Nina Grunenberg