Wer, meine verehrten Leser, am zurückliegenden Wochenende die Hauptversammlung der NSU Motorenwerke AG, Neckarsulm, besuchte, konnte nach mehr als 12 Stunden Dauer mit vielen wertvollen Informationen nach Hause gehen. Obwohl manche Redner Schläge austeilten, die weit unter die Gürtellinie gingen, wurde durch den ständigen Schlagabtausch mit der Verwaltung und einzelner Aktionärsgruppen untereinander schließlich sehr deutlich, wohin die NSU-Reise gehen wird und was die Wankel-Patente den künftigen NSU-Genußscheininha bern künftig einbringen können.

Lassen Sie uns hier den Versuch einer Bestandsaufnahme machen. NSU-Verwaltung und auch die meisten NSU-Aktionäre waren seit Jahren der Meinung, daß die Zukunft des Unternehmens auf die Dauer nur durch Anschluß an einen der Großen der Automobilindustrie gesichert werden könne. Deshalb war der NSU-Vorstand seit langem auf der Suche nach einem Partner, und zwar nach folgender Rangfolge: Möglichst ein deutsches Unternehmen. Wenn das nicht möglich war, wenigstens ein europäisches. Danach wollte man sich um einen Amerikaner bemühen (er wäre leicht zu haben gewesen). An letzter Stelle stand die Kontaktaufnahme zu den japanischen Automobilfabrikanten.

NSU-Vorstandsvorsitzender Dr. G. S. von Heydekampf, ein Mann ohne Illusionen, aber mit viel Selbstvertrauen, mußte spätestens im vergangenen Jahr erkennen, daß die Zeit gegen sein Unternehmen arbeitet. Um im Markt bleiben zu können, waren für die Jahre 1969 bis 1973 Investitionen für rund 600 Millionen Mark notwendig, die weder durch Eigenfinanzierung (die NSU-Gewinnmarge ist bescheiden) noch durch Fremdfinanzierung (sie hätte die Bilanzstruktur gefährdet) aufgebracht werden konnten. Kapitalerhöhungen im entsprechendem Umfang (das Aktienkapital beträgt zur Zeit 87 Millionen) schieden aus, denn schon bei der Kapitalaufstockung im vergangenen. Jahr hatten sich Placierungsschwierigkeiten ergeben.

Ehe von Heydekampf bei dem alten NSU-Kontrahenten Fiat anklopfte, unternahm er noch einen letzten Versuch beim Volkswagenwerk, wo nach dem Tode von Professor Nordhoff eine deutliche Änderung der Geschäftspolitik zu spüren ist. "Wir müssen in Europa stärker werden" – das ist die neue Wolfsburger Devise. Und wenn man das will, kann man dem Hauptkonkurrenten Fiat nicht NSU überlassen.

Um das angestrebte Ziel zu erreichen, mußte sich das Volkswagenwerk bei NSU eine Mehrheit sichern, die von vornherein andere Interessenten, abschrecken würde. Aber wie? Durch ein Abfindungsangebot an die NSU-Aktionäre? Dem stand die Höhe des NSU-Börsenkurses entgegen, der sich weit von dem entfernt hatte, was sich durch die Ertragskraft rechtfertigen ließ und der nur dann zu verantworten ist, wenn die Differenz zwischen wirtschaftlicher Realität und Börsenkurs durch künftige Einkünfte ausgefüllt wird, die NSU als Inhaber der Patente auf den Wankel-Motor zufließen.

In Hoffnung auf die Wunderwirkung des Wankel-Motors haben viele NSU-Aktionäre ihre Papiere zu Kursen erworben, die weit über den heutigen liegen. Schon die vorsichtigste Andeutung, daß sie sich vielleicht "verspekuliert" haben könnten, hat gereizte Reaktionen zur Folge. Auch auf der Hauptversammlung hat sich wieder gezeigt, daß sachliche Gespräche über die Wankel-Zukunft kaum zu führen sind.

Deshalb lag es auf der Hand, den Wankel-Komplex bei allen. Fusionsplänen auszuklammern, nicht gerade zur Freude der NSU-Spekulanten. Sie hätten es natürlich am liebsten gesehen, wenn ihnen vom Volkswagenwerk ihre hochgeschraubte Wankel-Phantasie sofort abgekauft worden wäre. Das ist nicht geschehen. Das Wankel-Risiko müssen sie weiter tragen. Nach dem Beschluß der NSU-Hauptversammlung, der übrigens mit 97 Prozent des vertretenen Aktienkapitals gefaßt worden ist, wird das Volkswagenwerk seine Tochtergesellschaft, die Auto Union, auf NSU übertragen und dafür für 128 Millionen Mark neue NSU-Aktien übernehmen. Danach ist das Volkswagenwerk mit 59,5 Prozent an dem auf 215 Millionen Mark erhöhten NSU-Kapital beteiligt.