In den letzten Oktobertagen eines jeden Jahres brennen in den oberen Etagen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden die Lichter oft bis tief in die Nacht. Seit dem Jahre 1964 tagen dort in jedem Herbst die fünf Sachverständigen zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – meist kurz die "Fünf Weisen" genannt –, um mit ihren Mitarbeitern an den Formulierungen des Jahresgutachtens zu feilen. Wie das Gesetz es befiehlt, soll es jeweils am 15. November fertiggestellt sein. Im Herbst des vergangenen Jahres ging es bei den Beratungen über den Inhalt des neuen Gutachtens nicht ganz so friedlich zu wie in früheren Jahren. Im Sachverständigenrat war ein heftiger Gelehrtenstreit darüber entbrannt, wie man die deutsche Wirtschaft am besten vor den inflationistischen Einflüssen bewahren könne, die vom Ausland her wirkten. Das Problem der "importierten Inflation" stand zur Debatte.

Professor Herbert Giersch, der dem Rat der Weisen/seit dessen Bestehen angehört, dozierte im Seminar und in der Öffentlichkeit, eine Regierung, die Stabilität des Preisniveaus, Vollbeschäftigung und Zahlungsbilanz-Gleichgewicht bei einem stetigen Wirtschaftswachstum anstrebe, könne diese Ziele angesichts der gegebenen Verhältnisse in der Weltwirtschaft notfalls nur durch eine Änderung des Wechselkurses erreichen. Im Fall der Mark konnte das nur eine Aufwertung bedeuten. Man darf annehmen, daß Professor Giersch diesen Standpunkt auch im Sachverständigenrat mit Nachdruck vertrat.

Umgekehrt hatte sich Professor Wolfgang Stützel, seit Frühjahr 1966 Mitglied des Rates, immer wieder zu einem System fester Wechselkurse bekannt. Er vertritt die Ansicht, daß einseitige Wechselkursänderungen die Zusammenarbeit in der Weltwirtschaft belasten. Eines seiner Hauptargumente: Durch einen solchen Beschluß am grünen Tisch werden Tausende von Unternehmen betroffen, die sich in vielleicht jahrelanger Arbeit Exportmärkte erkämpft und dabei im Vertrauen auf stabile Wechselkurse oft hohe Anfangsverluste hingenommen haben.

Herbert Giersch, der im Sachverständigenrat zwar nicht den Vorsitz führt, aber als engagiertestes Mitglied des Gutachtergremiums gilt, war mit Professor Wilhelm Bauer, Dr. Manfred Schäfer und Dr. Harald Koch wohl der Ansicht, daß es der politischen Durchschlagskraft des Gutachtens abträglich sei, wenn der Rat seine Analysen und Alternativvorschläge nicht einstimmig verabschiede. Stützel dagegen bestand auf seinem im Gesetz verankerten Anspruch, seine abweichenden Ansichten auch im Gutachten zum Ausdruck zu bringen.

Im Laufe des Sommers hatte der Rat bereits mehrmals an aktuellen Stellungnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung gearbeitet. Die Änderung des Gesetzes über die Bildung des Sachverständigenrates vom 8. November 1966 gibt ihm ausdrücklich die Möglichkeit, nach seinem Ermessen zusätzliche Gutachten zu erstellen. Mindestens drei solcher Gutachten, entstanden im Laufe des Sommers. Zwei davon verschwanden sang- und klanglos wieder in den Schubladen der Gutachter. Das dritte schließlich wurde der Bundesregierung vorgelegt, der Öffentlichkeit aber vorenthalten/Das Gesetz bestimmt nämlich nur vage, was mit solchen Sondergutachten zu geschehen hat: "Der Sachverständigenrat leitet diese Gutachten ... der Bundesregierung zu und veröffentlicht sie; hinsichtlich des Zeitpunktes der Veröffentlichung führt er das Einvernehmen mit dem Bundesminister für Wirtschaft herbei", heißt es dort.

In dem im Juli 1968 dem Bundeskanzler übergebenen Sondergutachten war nach Ansicht des Gutachters Harald Koch Professor Stützel... Gelegenheit gegeben ..., seine abweichende Ansicht zum Ausdruck zu bringen". Kenner der Entstehungsgeschichte des Gutachtens wissen aber zu berichten, daß das Schriftstück nicht ganz so abgefaßt war, wie Stützel es sich gern gewünscht hätte. Seine Minderheitsäußerungen in diesem Gutachten sollen sich auch mehr auf die Analyse der wirtschaftlichen Lage als auf die von ihm als richtig betrachtete Therapie beziehen.

Als dann das Jahresgutachten 1968/69 beraten wurde, bei dem das Gesetz die sofortige Veröffentlichung vorschreibt, war die Mehrzahl der Sachverständigen wohl nicht mehr bereit, solche Extratouren zu bewilligen. Der Rat faßte in einer später von Professor Stützel als "rechtswidrig" bezeichneten Form Beschlüsse über den zulässigen Inhalt von Minderheitsgutachten. Außerdem erhebt Stützel heute den Vorwurf, daß "rechtswidrig Sitzungen ohne Ladung der Minderheit" veranstaltet wurden. Er fühlte sich durch dieses Verhalten diskriminiert.