Man möchte nicht in der Haut eines VW-Verkäufers stecken, wenn sich Fiats neueste Exportware, der Typ 128, auf unserem Markt eingebürgert hat.

Die zweitürige Ausführung des Fiat 128 wird voraussichtlich nur um 50 bis 70 Mark teurer sein als der VW-Käfer, wird ihn aber in praktisch allen wichtigen Details übertreffen. Denn der (Fiat 128 ist von oben bis unten völlig neu konstruiert und genau für jene Klasse gebaut, der – das VW-Werk mit seinem Käfer überhaupt Existenz und Größe verdankt.

Auf jeden Fall vom Preis her, aber auch was die gesamte Konzeption betrifft, dürfte der Fiat 128 zu den bisher ernsthaftesten Herausforderern zählen, die bislang zum Angriff auf das VW-Imperium angetreten sind. Innen ist der Fiat geräumiger, und im Heck findet man einen regelrechten Kofferraum. Der Fiat ist ein leises Auto. Das macht ihn angenehm für Passanten. Für den Fahrer bedeutet die geringe Geräuschentwicklung des vorn quer eingebauten, wassergekühlten Vierzylinders ermüdungsfreieres Reisen.

Der Motor ist mit 1116 ccm, praktisch also. 1,1 1 Hubraum, kleiner als der VW-Motor (1285 ccm), läßt aber mit 55 PS nicht weniger als 15 PS mehr heraus. Das macht Fiats Jüngsten zu einem wieselflinken Auto, wie mir ausgedehnte Probefahrten in den Bergen bei Turin bewiesen. Mit über 135 km/h ist er auch schneller als der rund 122 km/h laufende Käfer. Nun, wenn man Zahlen vorstellt, darf man freilich auch die Motordrehzahl nicht unterschlagen. Nach alter Fiat-Tradition liegt sie nicht niedrig, nämlich bei maximal 6000 Touren, was schon sportlichen Charakter verrät. In Wahrheit müssen wir Autoverbraucher aber allmählich umlernen, was Drehzahlen betrifft. Die Entwicklung geht weiter, und die Werkstoffgüte wird besser. Rein konstruktiv bedeutet dieses relativ hohe Drehzahlniveau für den Motor des Fiat 128 keine Hürde: Ganz nach Art eines sportlichen Motors verfügt er über eine oben liegende Nockenwelle, die nach neuester Manier durch einen Zahnriemen angetrieben wird. Aber der Sport war auch hier nur Vorläufer: Oben liegende Nockenwelle und hohe Drehzahlen sind heute Attribute von Gebrauchsmotoren.

Der VW 1300 erreicht seine höchste Leistung – 40 PS – bei 4000 Touren, und daraus ist wohl unschwer zweierlei zu erkennen: das hohe Alter der Motorkonstruktion und das geradezu rührende, ja, ängstliche Bemühen des VW-Werks, soviel wie möglich noch zur Motorschonung beizutragen: Aber diese Tugend, so scheint es, ist aus der Not eines alten Motors geboren.

Fiat hat einmal versucht, mit dem VW-Werk zu Absprachen zu kommen, der Versuch wurde zu Nordhoffs Zeiten zurückgewiesen. Ist es zu spät, sich auf verschiedenen Märkten und in verschiedenen Klassen zu einigen? Es sieht so aus, denn jetzt – wenn der militante Ausdruck erlaubt ist – sprechen die Waffen. Fiat hat inzwischen als industrielles Unternehmen das VW-Werk überflügelt und seine ganzen Möglichkeiten auf seine neuen Modelle konzentriert.

Man hatte in Turin offenbar nicht mehr als ein Achselzucken dafür übrig, daß man bisher selbst keinen frontangetriebenen Wagen herstellte. Für die Aufgabenstellung in dieser Größenklasse schien die Lösung: quergestellter Frontmotor und Frontantrieb, geradezu zwingend. Sie schafft die großen Innenabmessungen – sie entsprechen etwa denen des Fiat 124 – und läßt es doch zu, daß der Wagen tatsächlich noch um 17,5 cm kürzer als der VW-Käfer ist. Das verrät routinierte Architekten! Da auch der Wendekreisdurchmesser kleiner ist als der des VW, spielt der neue Fiat in überfüllten Städten seine Vorzüge aus.