Ich kannte diesen bunten Vögel persönlich. Galczyński war ein begabter Lyriker, einer der begabtesten auf dem polnischen Parnass. Wie mancher polnische Lyriker (Tuwim, Lechon, Slonimski) produzierte auch er satirische Texte und lebte im Konkubinat mit der leichten Muse, denn witzige Literaten werden seit Generationen an der Weichsel mehr geschätzt als, zum Beispiel, am Rhein.

Jener gute Ratschlag, den Tonio Kröger der literarischen Jugend erteilte: "Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich benehmen wie ein anständiger Mensch" ließ ihn allerdings kalt; Galczynski nämlich schockierte gerne. Schon als Student der englischen Philologie verblüffte er die Warschauer Universität mit seiner Bildung. In zwei glänzenden Vorträgen lobte er die Vorzüge eines bisher unbekannten englischen Dichters aus dem achtzehnten Jahrhundert. Wie herzlich wurde der begabte Student zu seiner Ausgrabung von dem verdienten Professor Tretiak beglückwünscht! Schade nur, daß der von Galczyński neuentdeckte Meister der englischen Dichtung – was erst später herauskam – einen winzigen, aber unverzeihlichen Fehler hatte: Es hat ihn niemals gegeben.

Aus der Fahnenjunkerschule hatte man unseren Poeten mit Gewalt entfernt, weil er das Gewehr, "diese teuflische Erfindung", nicht anrühren wollte. Trotz seiner "Wehrunwürdigkeit" bekam er eine Stellung im Auswärtigen Amt. Man verzieh ihm sogar sein Auftreten als Kulturreferent des polnischen Konsulats in Berlin, wo er zu einem diplomatischen Empfang mit Schnürsenkeln anstatt der Krawatte erschien und anstelle des angekündigten Schriftstücks eine Reihe trockener Zahlen aus dem statistischen Jahrbuch vorlas – weil sich damals die dichtenden Spaßvögel (noch nicht als "Kanarienvögel des Bürgertums" verschrien) mehr erlauben konnten als die kaufmännischen Angestellten oder Bautechniker, was natürlich ungerecht und falsch war.

Wann habe ich Galczyński zuletzt gesehen? War es gleich nach dem Kriegsende in Osnabrück, als ihn britische Feldgendarmen wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" festnehmen wollten? Er wollte lediglich den Eingeborenen um zwei Uhr nachts auf dem Markt mit einigen lustigen Volksliedern aus Rußland das triste Nachkriegsdasein verschönern. Oder war es doch auf der Gare du Nord in Brüssel während einer Großrazzia gegen die Kaffeeschmuggler? Sobald sich die Military-Police-Patrouillen näherten, pflegte er laut und in bestem Englisch John Keats zu rezitieren. Sie wollten seinen Ausweis sehen, er hingegen begrüßte sie mit der Ode an die Nachtigall.

Später wirkte der satiro-lyrische Troubadour und Vagabund unter dem volksdemokratischen Himmel und erreichte große Volkstümlichkeit. Drei oder vier Jahre lang (er starb 1953) konnte sich Galczyński einer gewissen Narrenfreiheit erfreuen. Daß seine Muse mit dem sozialistischen Realismus weder verwandt noch verschwägert war, war den humorlosen Ideologen und Predigern der Konsequenz klar. Zum Glück erwies sich jedoch die Idee, den unseriösen Pfau in einen nützlichen Spatzen zu verwandeln, als irreal. Was die Beziehungen zwischen den Parteibonzen und dem Bohemien aus dem Krakauer Kaffeehaus betrifft, ist man eher geneigt, an jenen großen Sänger aus der Mythologie zu denken, dessen Gesang so bezwingend war, daß er die wildesten Tiere zähmte und sogar die Höllenhunde bezaubert hinter ihm herzogen.

Und so schrieb Galczyński jede Woche, vier Jahre hindurch, seine satirischen Mini-Glossen in Form "des kleinsten Theaters der Welt" für die beliebteste, nach dem Westen schielende Illustrierte im Lande, für den Krakauer Przekrój (Querschnitt). Auf diese Weise entstand der seltsame Zyklus "Die Grüne Gans", wobei die meisten Pointen dieser Libretti in den Regieanweisungen stecken. Eine Auswahl dieser Mikrotexte, die meistens aus Black-out, Persiflage, Travestie, Parodie, Feuerwerk, Buffo-Entwurf, Gedankensplittern, literarischem Ulk bestehen, liegt nun in deutscher Sprache vor –

Konstantin Ildefons Galczynski: "Die Grüne Gans", Satiren, aus dem Polnischen und kommentiert von Karl Dedecius; Bibliothek Suhrkamp 222, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 179 S., 5,80 DM.