Die Vorwürfe Professor Stützels gegen die übrigen vier Mitglieder des Sachverständigenrats haben in Bonn ein vielfältiges Echo ausgelöst. Einen Tag, nachdem Stützels Erklärungen in der ZEIT Politikern und Beamten in der Bundeshauptstadt bekannt wurden, mußte sich Klaus-Diether Arndt, Bundeswirtschaftsminister Karl Schillers Parlamentarischer Staatssekretär, bereits vor dem Bundestag dazu äußern. Er gab den Abgeordneten bekannt, daß sich die Bundesregierung auf ihrer nächsten Sitzung am Mittwoch mit den Vorwürfen Stützels gegen die übrigen Mitglieder des "Rats der Fünf Weisen" befassen werde.

In der gleichen Sitzung soll auch über Stützels Nachfolge im Sachverständigenrat entschieden werden. Seit einem halben Jahr ist der fünfte Platz im Rat unbesetzt. Schiller hat dem Kabinett entsprechend den Wünschen der Ratsmitglieder zwei Kandidaten vorgeschlagen: den ehemaligen Generalsekretär des Sachverständigenrats, Professor Olaf Sievert, und den Kieler Professor Jochimsen. Angeblich steht Jochimsen der SPD nahe. Sievert gehörte früher zu den Assistenten von Professor Giersch, einem Mitglied des Sachverständigenrats.

Auf Anfragen des FDP-Abgeordneten Genscher antwortete Arndt am 25. April vor dem Bundestag: "Diese Personalentscheidung (über Stützels Nachfolger, d. Red.) konnte nicht schnell und nur nach einfacher Diskussion gefällt werden, weil zu erwarten ist, daß selbstverständlich auch der Ihnen wahrscheinlich gerade in der Hand befindliche Artikel in der ZEIT dabei besprochen werden würde. Es forderte eine längere, eingehende Berichterstattung. Das ist nach Mitternacht (die Kabinettssitzung dauerte bis in die frühen Morgenstunden, d. Red.) nicht mehr zweckmäßig."

Genscher: "Können Sie mir sagen, Herr Staatssekretär, wie ein am 25. April 1969 in der ZEIT erscheinender Artikel die Beschlußfassung im März und in der ersten Hälfte des April aufhalten könnte?"

Arndt: "Es. ist bekannt, daß die Vakanz im Sachverständigenrat durch den Rücktritt eines seiner Mitglieder, nämlich des Herrn Professor Stützel, eingetreten ist, daß der Herr Professor Stützel eine Korrespondenz mit dem Bundespräsidenten hat, die auch dem Bundesminister für Wirtschaft seit einigen Wochen vorliegt. Das hätte selbstverständlich in die Berichterstattung einbezogen werden müssen."

Genscher: "Herr Staatssekretär, kann die Bundesregierung den Vorwurf von Professor Stützel bestätigen, die er in den folgenden Worten zusammengefaßt hat: ‚Der Sachverständigenrat hat während meiner Zugehörigkeit im Sommer 1968 rechtswidrige Beschlüsse über den zulässigen Inhalt von Minderheitsvoten gefaßt und rechtswidrige Sitzungen ohne Ladung der Minderheit veranstaltet?‘"

Arndt: "Das kann die Bundesregierung deshalb nicht bestätigen, weil sie keine Untersuchung in dieser Richtung geführt hat und auch keinen Beschluß gefaßt hat, eine Untersuchung zu führen, ja, es sogar zweifelhaft ist, ob sie nach dem Gesetz über den Sachverständigenrat eine solche Untersuchung führen könnte, und es viertens auch fraglich ist, ob es selbst dann, wenn das alles mit ja beantwortet werden würde – statt mit nein, wie es beantwortet werden müßte –, ratsam sei, eine derartige Untersuchung zu führen. Es ist lediglich zu fragen, ob die Geschäftsordnung des Sachverständigenrats – ein derartiges Dokument soll es geben – im Einklang mit dem Gesetz über den Sachverständigenrat steht."