Das Recht, dick zu sein – Seite 1

Von Gabriel Laub

Ich bestellte mir einmal einen Knopf (button) mit der Aufschrift "Ich bin dick. Na und?!" Denn es ist mir zuwider, immer wieder dieselben Reden zu hören: "Mensch, du bist wieder dicker geworden! Mach doch was dagegen." Ich habe überhaupt keine Lust, etwas dagegen zu tun. Ich fühle mich bei meiner Üppigkeit genauso wohl wie die Twiggy mit ihrer Magerkeit, obwohl ich mit meinem Leibesumfang kein Geld verdiene.

Was sollen solche Reden? Die Leute reagieren damit nur ihre eigenen Komplexe ab: Einer rühmt sich auf diese Weise, daß er nicht so dick ist, der andere tröstet sich, daß er nicht alleine dick ist.

Das ist nicht nur taktlos, sondern auch unlogisch. Ist es eine normale Sache, gibt es darüber nichts zu reden. Ist es eine Krankheit oder ein organischer Fehler – sagen wir dann: "Mensch, dein Kropf ist wieder gewachsen!" oder "Du hinkst schon wieder stärker!"? Ist es ein Schönheitsfehler, sagen wir doch niemandem: "Mensch, du hast aber eine lange Nase!" oder: "Fräulein, wie kommt es, daß Sie keinen Busen haben?"

Ich weiß nicht, warum ich nicht dick sein sollte. Ich will ja nicht in den Bäumen umherhüpfen, ich träume nicht von der Karriere eines Sprinters oder eines ersten Liebhabers im Theater. In meinem Beruf stört mich meine Wohlbeleibtheit nicht.

Die Demokratie erkennt das Recht jedes Menschen an zu sein, wie er ist. Der Mensch, darf eine Frau sein, ein Neger, ein Nudist, ein Radikaler, ein Yoga-Anhänger, und kein vernünftiger Mensch wird ihm einen Vorwurf daraus machen. Sogar um das Recht, homosexuell sein zu dürfen, wird jetzt vehement gekämpft. Nur den Dicken billigt man nicht das Recht zu, dick zu sein, man greift sie an in privaten Gesprächen und in Zeitungsartikeln, man hetzt gegen sie in Werbekampagnen.

Dicke aller Gewichte, vereinigt euch zur Verteidigung eurer Rechte! Die Statistiken zeigen, daß wir in allen zivilisierten Ländern gegenüber den Mageren in der Überzahl sind – warum sollen wir uns diese Verfolgung gefallen lassen?

Das Recht, dick zu sein – Seite 2

Fettleibigkeit, heißt es, ist angeblich dem Schönheitsideal zuwider. Aber:

Erstens war es nicht immer so. Bei vielen orientalischen Völkern ist die Üppigkeit des Leibes ein Zeichen von Schönheit und Ehrwürdigkeit.

Zweitens: Wo und wann hat man schon streng nach den Idealen gelebt? Im zwanzigsten Jahrhundert werden die Ideale der Gerechtigkeit, Humanität, Moral, Freiheit verletzt – warum soll ausgerechnet das Schönheitsideal eine Ausnahme bilden?

Und drittens: Wer denkt die Schönheitsideale aus? Früher waren es die schwindsüchtigen, verhungerten Poeten, die eine Frau nur durch das Fensterchen im Souterrain gesehen haben. Jetzt machen es dicke, kleine, kahlköpfige Filmproduzenten bei einem üppigen Diner in einem teuren Restaurant. Ich verstehe nicht, warum wir die Opfer fremder Komplexe sein sollen.

Ärzte haben wissenschaftlich bewiesen, daß Fettleibigkeit nicht gesund ist. Mit Polizisten und Ärzten soll man nicht diskutieren, und ich habe auch nicht genug wissenschaftliches Material zur Verfügung, um ihre Behauptungen in Zweifel zu ziehen, Ich kann mich nur auf ein altes polnische; Sprichwort stützen: "Ehe der Dicke abmagert verhungert der Dünne."

Es gibt im Leben Viele Dinge, die nicht gesund sind, und doch verzichten wir nicht auf sie. Es ist viel gesunder, zu Fuß zu gehen, als in Autos zu fahren; es ist nicht gesund, in einer Fabrik zu arbeiten, und es ist nicht gesund, in einem Büro zu arbeiten; es ist nicht gesund, lange in der Nacht Bücher zu lesen und bis in den Morgen hinein in der Bar zu tanzen; Kino und Fernsehen schaden den Augen, das Leben in der Stadt schadet den Nerven. Das Leben an sich ist überhaupt nicht gesund, weil es garantiert zum Tode führt.

Das gesundeste Leben führten zweifellos unsere urzeitlichen Ahnen. Sie waren immer in der freien Natur, atmeten eine Luft, die nicht vor Ruß und Auspuffgasen vergiftet war, sie liefen mindestens zwölf Stunden am Tag zu Fuß und ernährten sich von kalorienarmen Wurzeln und Würmern. Und trotzdem starben sie jung.

Das Recht, dick zu sein – Seite 3

Es ist kein Zufall, daß alles, was heute für ungesund erklärt wird, Früchte der Zivilisation, Ergebnisse der vieltausendjährigen Bemühungen der Menschheit sind. Der erste urzeitliche Gourmand, der entdeckt hat, daß man das Fleisch mit Feuer braten kann, war wahrscheinlich, wenn schon kein Dicker, so doch mindestens mit der Neigung zur Dicklichkeit begabt. Er ist nicht nur zum Begründer der Gastronomie geworden, er hat durch seine Entdeckung einer, nahrhafteren und bekömmlicheren Kost die schnellere Entwicklung des menschlichen Organismus und vor allem des menschlichen Gehirns ermöglicht.

Dicklich war vermutlich auch der Mann, der nicht gerne lief und darum das Rad erfand, die Grundlage der späteren Technik. Und ganz bestimmt war derjenige unserer Ahnen dick, der die Sänfte erfand und zwei Dünne dazu brachte, ihn zu tragen – damit leitete er die Entwicklung der gesamten gesellschaftlichen Organisation ein, bis hin zu den politischen Parteien, Regierungen und internationalen Institutionen.

Ich möchte mich nicht auf eine Untersuchung der Rolle der Dicken in der Geschichte der Menschheit einlassen, weil man in der Geschichte für alles genügend Beispiele finden kann, positive und negative. Balzac und Einstein waren nicht sehr mager, Napoleon war klein und dick, aber auch Stalin war nach dem Zeugnis von Milovan Djilas klein und hatte einen großen Bauch, obwohl man das auf den offiziellen Bildern nicht so sah. Dieselbe Mannigfaltigkeit an Beispielen kann man auch unter den Mageren finden. Schließlich begann der größte Teil der Dicken seine Laufbahn als schlanke Jünglinge, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

Der weise Professor Kretschmer teilte die Menschen nach den Körpertypen ein, ohne zu behaupten, es sei besser, ein Astheniker zu sein als ein Pykniker oder umgekehrt. Schließlich ist die sanguinische Natur, die mit dem pyknischen Typ verbunden ist, keine schlechte Eigenschaft. Ein tschechisches Sprichwort behauptet sogar, daß "ein böser Mensch nie dick wird", weil ihn angeblich seine eigene Bosheit frißt.

Aber auch dann, wenn die Neigung zu Körperfülle nicht angeboren wäre und wenn wir anerkennen sollten, daß es wirklich notwendig ist, immer gegen die Üppigkeit zu kämpfen – welche Mittel bietet man uns? Enthaltung und ständige Kontrolle. Man sollte das ganze Leben der Pflege der Gesundheit unterordnen. Wozu braucht man. ein langes Leben, wenn man es nicht nach eigenem Willen verleben darf?

Der chinesische Philosoph Yang-tschu schrieb vor zweieinhalbtausend Jahren: "Hundert Jahre ist die höchste Grenze des Menschenlebens, die von tausend Menschen nur einer erreicht. Die Hälfte dieser Zeit nehmen ihm die ohnmächtige Kindheit und das gebrechliche Greisenalter. Von der übrigen Zeit nehmen ihm der Schlaf in der Nacht und nichtige Angelegenheiten am Tage die Hälfte. Kummer, Sorgen, Verluste und Trauer nehmen ihm gut die Hälfte des Restes. Ich weiß nicht, ob man in den zehn Jahren, die verbleiben, eine einzige sorglose Stunde zum Genuß der Lebensfreuden finden kann."

In den fünfundzwanzig Jahrhunderten seit Yang-tschu haben sich die Lebensfreuden nicht vermehrt. Doch das gute Essen, eine von diesen Freuden, ist in der heutigen Zeit verhältnismäßig leicht zu haben. Warum sollte man darauf verzichten?

Das Recht, dick zu sein – Seite 4

Das Essen ist ein Teil der Kultur und nicht der medizinischen Wissenschaft. Und Lee, ein polnischer Lyriker, sagte: "Die Dicken leben kürzer, aber essen länger."

Man kann natürlich für alles einen Ersatz erfinden. Es gibt schon viele: Kaffee ohne Koffein, nikotinarme Zigaretten, Petting, Fruchtsaft ohne Früchte, Kakaogetränke ohne Kakao. Vielleicht wird es auch einen Kognak ohne Alkohol geben. Man kann Speisen ohne Kalorien erfinden, wie man schon längst Speisen ohne Geschmack erfunden und in die Praxis eingeführt hat. Mit Ersatzspeisen kann man einem Ersatzmenschen ein Ersatzvergnügen in einem Ersatzleben bereiten.

Dann bin ich lieber dick,

Ich glaube, daß das Recht, dick zu sein, ohne dafür verfolgt und verhöhnt zu werden, ein grundsätzliches demokratisches Recht ist. Außerdem: Fettleibigkeit ist doch nicht ansteckend. Ein Dicker stellt für seine Umgebung keine Bedrohung dar.