Es ist kein Zufall, daß alles, was heute für ungesund erklärt wird, Früchte der Zivilisation, Ergebnisse der vieltausendjährigen Bemühungen der Menschheit sind. Der erste urzeitliche Gourmand, der entdeckt hat, daß man das Fleisch mit Feuer braten kann, war wahrscheinlich, wenn schon kein Dicker, so doch mindestens mit der Neigung zur Dicklichkeit begabt. Er ist nicht nur zum Begründer der Gastronomie geworden, er hat durch seine Entdeckung einer, nahrhafteren und bekömmlicheren Kost die schnellere Entwicklung des menschlichen Organismus und vor allem des menschlichen Gehirns ermöglicht.

Dicklich war vermutlich auch der Mann, der nicht gerne lief und darum das Rad erfand, die Grundlage der späteren Technik. Und ganz bestimmt war derjenige unserer Ahnen dick, der die Sänfte erfand und zwei Dünne dazu brachte, ihn zu tragen – damit leitete er die Entwicklung der gesamten gesellschaftlichen Organisation ein, bis hin zu den politischen Parteien, Regierungen und internationalen Institutionen.

Ich möchte mich nicht auf eine Untersuchung der Rolle der Dicken in der Geschichte der Menschheit einlassen, weil man in der Geschichte für alles genügend Beispiele finden kann, positive und negative. Balzac und Einstein waren nicht sehr mager, Napoleon war klein und dick, aber auch Stalin war nach dem Zeugnis von Milovan Djilas klein und hatte einen großen Bauch, obwohl man das auf den offiziellen Bildern nicht so sah. Dieselbe Mannigfaltigkeit an Beispielen kann man auch unter den Mageren finden. Schließlich begann der größte Teil der Dicken seine Laufbahn als schlanke Jünglinge, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

Der weise Professor Kretschmer teilte die Menschen nach den Körpertypen ein, ohne zu behaupten, es sei besser, ein Astheniker zu sein als ein Pykniker oder umgekehrt. Schließlich ist die sanguinische Natur, die mit dem pyknischen Typ verbunden ist, keine schlechte Eigenschaft. Ein tschechisches Sprichwort behauptet sogar, daß "ein böser Mensch nie dick wird", weil ihn angeblich seine eigene Bosheit frißt.

Aber auch dann, wenn die Neigung zu Körperfülle nicht angeboren wäre und wenn wir anerkennen sollten, daß es wirklich notwendig ist, immer gegen die Üppigkeit zu kämpfen – welche Mittel bietet man uns? Enthaltung und ständige Kontrolle. Man sollte das ganze Leben der Pflege der Gesundheit unterordnen. Wozu braucht man. ein langes Leben, wenn man es nicht nach eigenem Willen verleben darf?

Der chinesische Philosoph Yang-tschu schrieb vor zweieinhalbtausend Jahren: "Hundert Jahre ist die höchste Grenze des Menschenlebens, die von tausend Menschen nur einer erreicht. Die Hälfte dieser Zeit nehmen ihm die ohnmächtige Kindheit und das gebrechliche Greisenalter. Von der übrigen Zeit nehmen ihm der Schlaf in der Nacht und nichtige Angelegenheiten am Tage die Hälfte. Kummer, Sorgen, Verluste und Trauer nehmen ihm gut die Hälfte des Restes. Ich weiß nicht, ob man in den zehn Jahren, die verbleiben, eine einzige sorglose Stunde zum Genuß der Lebensfreuden finden kann."

In den fünfundzwanzig Jahrhunderten seit Yang-tschu haben sich die Lebensfreuden nicht vermehrt. Doch das gute Essen, eine von diesen Freuden, ist in der heutigen Zeit verhältnismäßig leicht zu haben. Warum sollte man darauf verzichten?