Nachdem Karl Lanz 1921 früh gestorben war, zerfiel die Familie in zwei Lager. Der Stamm Röchling (Heinrichs älteste Tochter hatte einen Vertreter dieser „eisernen“ Familie geheiratet) stand gegen den Stamm Lanz. Das Ende des garstigen Liedes war, daß die 1925 gegründete Aktiengesellschaft völlig in die Hände der Deutschen Bank geriet, die nach einigen Krisen alsbald das erste Kooperationsmanöver einleitete: Lanz schloß einen „Interessenvertrag“ mit der härtesten inländischen Konkurrenz, der Maschinenfabrik Buckau R. Wolf in Magdeburg, und spezialisierte sich auf den Bau von Schleppern und Erntemaschinen.

Die „Lokomobile“, fahrbare, eiserne Ungetüme zum Dampfantrieb von Dresch- und Häckselmaschinen, aber auch zur Kraftversorgung im Baugewerbe, wurden Wolf überlassen. Mit dieser Entscheidung hatte Lanz noch immer den besseren Teil erwählt. Fritz Huber hatte 1921 einen Traktor entwickelt, der unter dem Namen „Bulldog“ schließlich zum Gattungsbegriff für landwirtschaftliche Zugmaschinen überhaupt wurde.

Der „Bulldog“ hatte einen einzigen, liegenden Zylinder, in dem durch einen „Glühkopf“ Rohöl zur Explosion gebracht wurde. Das Prinzip war von genialer Primitivität. Ganze Landstriche in Ostdeutschland und in Osteuropa wurden mit diesem schweren, robusten, laut donnernden Gefährt gerodet.

Lanz baute es länger als Ford sein „T-Modell“, die berühmte Tante Lizzy, nämlich 30 Jahre lang. Und wie bei Ford hielt man noch daran fest, als die Kunden die Laufruhe, die Bequemlichkeit und die Formschönheit anderer Modelle höher schätzten als die Empfehlung, dieses Stück sei unverwüstlich und idiotensicher. Schließlich bauten auch die Mannheimer – zu spät – „richtige“ Dieselmotoren in ihre Trecker ein, aber sie nannten das Ganze noch immer „Bulldog“ und taten alles, um möglichst altmodisch zu erscheinen. Die Fehler und Unterlassungen in der technischen Entwicklung wie im Marketing haben Lanz umgebracht. Die Kriegsschäden und der Totalverlust der östlichen Märkte waren es zumindest nicht allein.

Die neuen Onkel aus Amerika kamen mit Taschen voller Geld, aber ein Konzept, was sie mit den zunächst gekauften 70 Prozent von 50 Millionen Mark Grundkapital anfangen sollten, hatten auch sie lange Zeit nicht. Sie bestätigten Jean-Jacques Servan-Schreibers Feststellung, daß die Amerikaner in Europa mehr Irrtümer begangen hätten als ihre Konkurrenz. Zugleich widerlegten sie seine Meinung, daß sie sich wendig und anpassungsfähig auf örtliche Gegebenheiten einstellten.

Deere hatte bis zur Übernahme von Lanz so gut wie keine Auslandserfahrung. Gute Propagandisten waren seine Europa-Gesandten auch nicht. Wenn sie versuchten, John Deere und Heinrich Lanz zusammen als Ahnenbilder nach dem Motto „In gemeinsamer Tradition“ aufzuhängen, so glaubten ihnen die mißtrauischen Mannheimer kein Wort. Sie wußten, wieviel vom Andenken ihres Landsmannes Carl Benz übriggeblieben war, nachdem er mit Daimler fusionieren mußte. Heinrich Lanz war tatsächlich einmal bei Deere in Moline gewesen, hatte mit Johns Sohn gesprochen und dort die Stechuhren für Akkordarbeiter gesehen. Als er sie in Mannheim einführte, erlebte er den ersten Streik in seiner Fabrik.

Solche Erinnerungen stiegen auf, als es nach dem Regimewechsel 1960 in Mannheim zum berühmten „Bierstreik“ kam. Daß bis dahin nach Belieben Bier geholt werden konnte, verstieß sowohl gegen den Ordnungssinn als auch gegen das Mäßigkeitspostolat der Amerikaner. In Verkennung pfälzischer Frühstückssitten verordneten sie eine 15minütige Morgenpause und vereinbarten mit einer Brauerei die Lieferung kleinerer Flaschen.