Das Erbe de Gaulles: Französische Ungewißheiten und europäische Fragezeichen

Von Theo Sommer

Zum zweitenmal in einem Menschenalter haben die Franzosen dem General de Gaulle die Macht aus den Händen gewunden. Zweimal hat er Frankreich gerettet, erst aus der Niederlage von 1940 und dann aus der Krise von 1958; doch beide Male wurde die Mehrheit des Volkes schließlich seines Unfehlbarkeitsanspruches müde, überdrüssig der immer neuen Forderung nach kompromißloser Unterwerfung, und der hochfliegenden Träume satt. An der Kluft zwischen dem Ehrgeiz de Gaulles und dem Wollen der Nation ist sein politisches Wirken zuschanden geworden.

Sein Ende entspricht seiner Ambition: Es war dramatisch. Das Gewöhnliche, Banale, Undramatische lag ihm nie. Das macht seine Größe aus, und es erklärt die Bewegung und Bewegtheit, mit der selbst eingefleischte Kritiker des Generals auf seinen Rücktritt reagieren. Drei Jahrzehnte hat er das Geschick Frankreichs geprägt und ein Jahrzehnt lang Europa seinen Stempel aufgedrückt. Er war der letzte aus einem Geschlecht von Riesen, imponierend durch seinen Ehrgeiz, imponierend durch seinen Stil, imponierend durch die Stärke seines Willens wie durch das Format seiner Fehler – eine Figur klassischen Zuschnitts, an der gemessen die heutigen Staatsmänner zur Unbedeutsamkeit schrumpfen. Die weltpolitische Landschaft ist flacher seit Montag mittag, bevölkert nur noch von bravem Mittelmaß.

Nichts hat de Gaulle zu dem Abenteuer des Referendums gezwungen, zur Verknüpfung der Abstimmung mit der Vertrauensfrage. Er selber hat sein Regiment aufs Spiel gesetzt, kein anderer – und er tat es um höchst fadenscheiniger Gründe willen. Die Regionalisierung war nur ein zaghafter, ungenügender Schritt in die richtige Richtung, die Senatsreform, die er im Sinne der "Partizipation" auslegte, eindeutig ein Rückschritt zu überholten Ständestaatsideen. An der ganzen Abstimmung interessierte ihn im Grunde auch nur eines: die Neuregelung der Nachfolge, die er in die Hände seines eigenen Geschöpfes, des Premierministers legen wollte; der Senatspräsident sollte als Vollzugsbeamter des Übergangs ausgeschaltet werden. Aber der General verrechnete sich gründlich.

Es war der Soldat de Gaulle, der den Politiker de Gaulle in die Irre führte. "Es ist die Eigenart der Militärs, alles gebieterisch zu wollen; dem Bürgerlichen hingegen ist eigen, alles der Aussprache, der Wahrheit, der Vernunft zu unterwerfen" – der Satz stammt von Napoleon Bonaparte (der sich später selber nicht daran hielt). "Alles gebieterisch zu wollen" – das war in der Tat die Eigenart Charles de Gaulles. Am Ende stolperte er darüber. Sie verstellte ihm den Blick auf die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit von 1969 ist nicht länger jene des Jahres 1958. Frankreich lebt nicht mehr im Alarmzustand. Mit Prestigepolitik und nuklearem Status-Denken, mit all dem nationalen Etikettenschwindel des letzten Jahrzehnts, ist seinen eigentlichen Problemen nicht beizukommen. Überdies hat de Gaulles persönliche Faszination nachgelassen. Sein Charisma ist verblaßt. Die Alternative "Das Chaos oder ich", die der Staatspräsident wiederum an die Wand malte, wurde diesmal nicht mehr ernst genommen. Hatten nicht die Mai-Unruhen im vorigen Jahr bewiesen, daß de Gaulle sein Land nicht vor Unruhe und Erschütterung zu feien vermochte? Und war in dieser Krise nicht zugleich klargeworden, daß in Pompidou ein fähiger, kraftvoller Nachfolger bereitstand?