Aufwertung noch vor der Wahl? De Gaulles Rücktritt macht Neufestsetzung der Wechselkurse wahrscheinlich

Karl Schiller hat gewiß nicht übertrieben, als er bei der Eröffnung der Hannover-Messe davon sprach, die deutsche Wirtschaft sei "durchtrainiert und in Hochform". Der ökonomische Aufschwung, den wir erleben, ist ohne Beispiel in den sechziger Jahren. Seit dem Herbst 1967, seit nunmehr 18 Monaten, wächst das reale Sozialprodukt – also nach Abzug von Preissteigerungen – ohne Unterbrechung mit einer Rate von sieben Prozent.

Die meisten Menschen, auch viele Wirtschaftler, finden Statistiken, langweilig. Aber bei der Sozialprodukts-Statistik geht es um die Steigerung unseres Wohlstandes, von der wir alle profitieren. Ein Wachstum von sieben Prozent bedeutet, daß jeden Monat für gut drei Milliarden Mark mehr Güter erzeugt oder Dienstleistungen vollbracht werden als in der gleichen Zeit des Vorjahres – drei Milliarden, die uns für höheren Konsum und eine weitere Steigerung der Investitionen zur Verfügung stehen.

Die Entwicklung in den ersten Monaten 1969 hat auch die Hoffnungen der größten Optimisten noch übertroffen. In den meisten Prognosen zu Beginn des Jahres war davon die Rede, nach dem dynamischen Wachstum von 1968 sei die Industrie an die Grenzen ihrer Kapazität gestoßen. Vor allem jene, die aus Angst vor einer angeblich drohenden Preiswelle den Boom so früh wie möglich gebremst wissen wollten, wurden nicht müde, immer wieder zu erklären, angesichts des "leergefegten Arbeitsmarktes" könne man kaum noch auf inflationsfreies Wachstum hoffen. Und an der Börse rechnete man mit allenfalls geringfügigen Steigerungen, wenn nicht Stagnation der Gewinne.

Das Gegenteil ist eingetreten. Nach vorläufigen Berechnungen war die Industrieproduktion von Januar bis einschließlich April um 17 Prozent höher als in der gleichen Zeit 1968. Die Gewinne steigen bei vielen Firmen schneller als der Umsatz, der Eingang neuer Aufträge liegt immer noch erheblich über der Produktion. Und der Boom hat bisher, allen Warnungen der Stabilitätsapostel zum Trotz, noch keinen nennenswerten Preisauftrieb gebracht. Schiller in Hannover: "Beim Preisindex für gewerbliche Konsumgüter ist die Entwicklung seit November von Monat zu Monat null – stabiler geht’s da nicht."

Nie zuvor wurde von der deutschen Wirtschaft soviel produziert, nie zuvor wurde so gut verdient. Und dennoch lag ein Schatten über Hannover. Die Angst vor der nächsten internationalen Währungskrise ließ keine Jubelstimmung aufkommen. Schillers Feststellung bei der Eröffnung, es gebe keine akuten Währungssorgen, galt 48 Stunden später nicht mehr.

Der Rücktritt de Gaulles macht eine baldige Neufestsetzung der Wechselkurse in Europa durchaus möglich. Noch wurde die Ermahnung von Finanzminister Strauß, die Aufwertung nicht "herbeizureden", beherzigt. Am Tage sprachen selbst ganz Mutige nur verschämt von "außenwirtschaftlicher Absicherung" – am Abend freilich wurden bereits in den Hotelbars Wetten über den Aufwertungssatz (zwischen 6 und 10 Prozent) abgeschlossen.

Des Kanzlers Versprechen, keiner Änderung des Wechselkurses zuzustimmen, gilt nur für den Fall einer "isolierten" Aufwertung. De Gaulles Nachfolger aber wird gewiß bald versuchen, durch "konzertierte Paritätsänderungen" den Spekulationsdruck auf den Franc abzuwehren. Die Zeit der leichten Erfolge geht dann für die deutschen Exporteure zu Ende. Und als Schiller erklärte, wer "wohltönende Bekenntnisse zur Stabilität" ablege, müsse auch den Preis nennen, werden sich viele Unternehmer gefragt haben, ob es richtig war, daß sie im Chor mit in das Stabilitätsgeschrei eingefallen sind. Diether Stolze