Von Josef Müller-Marein

Am Wetter lag es nicht. Da schon der Sonnabend milde war, versprach der Sonntag, sonnig zu werden. Dennoch zählte die Polizei an den Ausfahrten eine weit geringere Menge Autos als an anderen Wochenenden. Die Pariser also blieben zu Hause. Sie wollten mit ihrem Ja oder Nein zu den Plänen de Gaulles von der Regionalisierung und der Reform des Senats nicht hinter dem Berge halten. Was aber könnte dies bedeuten? Mehr ja? Mehr nein? Die letzten Erhebungen hatten etwas wie Gleichstand ergeben. Es läge Elektrizität in der Luft, sagte unser Nachbar. "Spannung, mein Freund! Ein historischer Tag, dieser 27. April!"

Früh am Vormittag sind die Wahllokale noch lange ziemlich leer. Auf den Plakaten sieht man hier und dort ein sympathisches Bild des Staatspräsidenten in Vaterhaltung, aber zum ersten Male auch eines des Senatspräsidenten Alain Poher, der früher Mitarbeiter von Robert Schuman, zuletzt Präsident des Parlaments in Straßburg war – auch dies ein Gesicht, das Zutrauen weckt. Es ist da freilich ein Unterschied im Ausdruck: das Bild des alten de Gaulle nicht ohne Pathos; das seines sechzigjährigen Gegenspielers Poher zeigt eher Nachdenklichkeit.

Am Abend wird, wenn de Gaulle siegt, die Abschiedsstunde für Poher und seinen Senat geschlagen haben. Oder es wird dieser Poher, falls de Gaulle unterliegt, der Erste Mann im Staate sein, der Interims-Präsident, obwohl er dieses Amt nie angestrebt hat; das darf man ihm glauben.

Zwei andere Plakate fallen auf: Die "Unabhängigen" proklamieren das Ja, wo doch ihr junger Parteichef Giscard d’Estaing zwar nicht offen nein sagte, aber auch keinen Zweifel daran ließ, daß er nicht ja sagen würde. Empfiehlt er Enthaltung, so mag er sich zweimal irren. Denn erstens sagen seine Freunde, wie jenes Plakat kundtut, sehr deutlich ja. Und zweitens ist jetzt dem Augenschein zu glauben. Denn nun strömen die Leute zu den Urnen, sie enthalten sich nicht. Sie kommen aus der Messe oder vom Aperitif. Sie gehen an dem zweiten verblüffenden Plakat vorbei. Dort sagt auf knallgelbem Grund eine Inschrift: "Stimmt mit Ja, das ist sicherer!"

Die Aperitif-Gespräche bestätigen etwas, das jene gelben Plakate nicht ausdrücklich sagen: Man spricht nicht mehr von der Regionalisierung und der Senatsreform. Es geht ausschließlich um de Gaulle. Er hat das Referendum zu seiner persönlichen Sache gemacht, und dies, wie es glaubhaft heißt, gegen den Rat seines Minister-Präsidenten Couve de Murville. Aber mußte er denn drohen und mußte er denn zwei Tage vor dem Referendum noch ein letztes Mal bekräftigen, daß er gehen würde, falls die Mehrheit der Nation nein zu seinen Plänen sage? Was setzte er da alles auf eine einzige Karte! Wo die Fachleute urteilten, die Methoden der Regionalisierung seien schlecht durchdacht, und wo jeder wußte, daß sie schwer verständlich dargestellt seien.

Und der Senat: die zweite Kammer – warum sie unbedingt sterben lassen? Niemand könne de Gaulle stürzen – wenn nicht er selber: so heißt es an der Theke. Der "Mann aus dem Volke" hat ja im Prinzip nichts gegen die Dezentralisierung, aber er fühlt sich manipuliert. Dagegen wehrt er sich. Er sagt es, trinkt heiter seinen Apéritif und geht zum Mittagessen. Nervosität ("Elektrizität"), wo ist sie?