Von Karl-Heinz Wocker

London, Ende April

Mit 21 Jahren Mitglied des britischen Unterhauses zu werden ist ein Kunststück. Bernadette Devlin ist nicht der erste Kandidat, dem es gelang; wohl aber kann sie sich rühmen geschafft zu haben, was bisher Männern vorbehalten war. Unter ihnen ragt der jüngere Pitt hervor, der dann nur drei Jahre brauchte, ehe er Premierminister wurde. Wird Miß Devlin, die keinen Parteiapparat hinter sich und keine Fraktion neben sich hat und die nur durch ein Zweckbündnis protestierender Unzufriedener gewählt wurde, mit 24 Jahren noch in Westminster sitzen?

Sie braucht nicht zu fürchten oder besser gesagt: sie darf kaum hoffen, daß 1972 niemand mehr über die nordirische Frage spricht. Ein unblutiges Wochenende macht noch keinen Frieden. Die Emanzipation der Katholiken in Irland hat eine lange Tradition und war schon der Rücktrittsgrund für den Premierminister Pitt; das ist nur 168 Jahre her. Die Insel im Rücken Englands ist durch die Jahrhunderte an einen langsameren Gang ihrer Entwicklung gewöhnt worden als er anderen Ländern eigen ist. Die Römer kamen nicht bis hierher, die Völkerwanderung entdeckte Irland erst, als die Kraft der Welle schon verronnen war. Und seit Heinrich II. von England die Unterwerfung begann, haben die Iren ein Schicksal aus zweiter Hand erlebt. Die erste Hand war die des Herrschers jenseits der Irischen See.

Nirgendwo in Europa spielt das 16. oder das 17. Jahrhundert noch so in die aktuelle Politik herein wie in Belfast. Vielleicht ist Belgien eine Ausnahme; aber Belgien ist eine künstliche Gründung, während Irland eine natürliche Einheit bildet, jedenfalls auf der Landkarte. Es waren die zahlreichen britischen Vorstöße gegen diese geographische Logik, die noch heute die Fronten bestimmen. Cromwell siedelte Protestanten im Norden an, um den Katholiken die Reformation – british style – aufzuzwingen. 270 Jahre später hatten sich die Konfessionen noch immer so wenig miteinander angefreundet, daß Irland durch eine Grenze geteilt wurde, die ebensogut am Ende des Dreißigjährigen Krieges hätte gezogen werden können. Und nun gärt seit fünf Jahrzehnten, was schwache Politiker vom Kaliber des nun zurückgetretenen Ministerpräsidenten O’Neill, stiernackige Eiferer wie der Reverend Ian Paisley und gutwillige Novizen wie Bernadette Devlin kaum in weiteren zehn Jahren aus der Welt schaffen werden.

Das Mädchen aus dem Wahlkreis Mid-Ulster sozial und ideologisch einzuordnen, fällt nicht schwer: Sie kommt aus kleinem, kinderreichem, katholischem Mittelstand. Der Vater arbeitete als Schreiner in England und kam Ostern und Weihnachten nach Hause, ein typisch irisches Schicksal. Aber er war wenigstens ständig in Arbeit und Brot – damit zählt man in Nordirland zum kleinen Mittelstand. Er starb früh, und seine Frau ist ebenfalls seit zwei Jahren tot. Das Pathos der für die Geschwister mitverantwortlichen Waisen, das Pflichtgefühl der von Nachbarn unterstützten begabten Studentin der Psychologie und der durch die keltischen Ränder der britischen Insel wehende Regionalismus, das alles hatte in Bernadette Devlin auch ohne die nordirischen Sonderbedingungen ein politisches Engagement auslösen können.

Aber als sie im Oktober vergangenen Jahres ihren Namen unter die polizeiliche Anmeldung des ersten Demonstrationsmarsches der "People’s Democracy" setzte, einer neugegründeten und daher noch so gut wie illegalen Studentenbewegung im Rahmen der Bürgerrechtsfront, da begab sie sich auf ein ungewisses Feld. Damals traf sie sich, wie die "Sunday Times" jetzt herausfand, mit Paisley zu einer Diskussion in dessen Wohnung, ein Treffen so absurd wie – auf "höherer Ebene" – das zwischen Ossietzky und Göring. Nichts kam dabei heraus.