Mauricio Kagel: "Heterophonie"; Symphonieorchester des Hessischen Rundfunks, Leitung: Michael Gielen; Wergo 60043, 25,– DM.

Es fängt an wie in einem normalen Konzert, eine Oboe spielt einen Ton, jeder Musiker übernimmt ihn und beginnt seine Melodie des Sich-Einstimmens und -Einspielens, man wartet eigentlich nur noch auf den Dirigenten, damit der den ersten Einsatz schlage. Aber die Oboe bläst kein a, der Kammerton "stimmt" nicht, ais wird angegeben. Und die beim Sich-Einspielen benutzten Linien und Intervalle sind nicht frei gespielt, sondern vorher exakt notiert. Nicht in der herkömmlichen Weise, sondern wie das ganze Stück der Intention, der Idee, dem Kompositionsvorwurf entsprechend. "Heterophonie" ist ein Stück für Veränderungen, ist ein stets, von Aufführung zu Aufführung sich veränderndes Stück. Notiert sind Quasi-Töne: "der höchste Ton des Instruments", "sehr hoch", "mittel", "tief", "der tiefste Ton". Innerhalb bestimmter Instrumentenfamilien wird mit solchen Bezeichnungen das gleiche notiert – es erklingt verschiedenes, bei der Piccoloflöte beispielsweise ist der höchste Ton ein anderer als im Englischhorn. "Heterophonie" ist also die Gleichzeitigkeit von Gleichem und Verschiedenen. Dennoch wird nie Willkür gefordert, nie ein Chaos provoziert. Aus der Kritik Kagels an der Vorstellung, der Komponist könne am Schreibtisch das klangliche Ergebnis des Notierten überblicken, kommt er zu seinem Konzept, bestimmte Formen mit eindeutig notierten Forderungen zu füllen, die in der Aufführung – alle Musiker sind disparat, also nicht nach Instrumenten zusammengefaßt auf dem Podium verteilt und nehmen immer neue Positionen ein – zu Unterschiedlichem führen, sei es durch unpräzise, daher sukzessive Einsätze, die Klangfarbenverschiebungen eines Akkords bewirken, sei es durch die Verschiedenheit des gespielten Tonmaterials. "Heterophonie" ist also ein Stück für Details, die Großform reguliert sich aus den Details. Fünf Abschnitte. hat das Stück, mit welchem man beginnt, ist gleichgültig, drei Abschnitte müssen hintereinander gespielt werden, der Rest ist beliebig anzuordnen – nach Adam Riese sind vierzehn Versionen möglich. Sowohl für die von Michael Gielen gewählte Version wie für die Interpretation gilt, was Kagel über "Heterophonie" sagt: "Sie ist so trocken, daß man nach einigen Minuten abschaltet oder aber lauter Kostbarkeiten entdeckt". Übrigens: die Uraufführung in Köln verlief nicht glücklich. In Erinnerung daran widmete Kagel seine "Heterophonie" "dem Marquis de Sade und dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester des Westdeutschen Rundfunks". Heinz Josef Herbort