Von Heinz Abosch

Ein Jahr danach wirft die französische Mai-Krise noch immer Fragen auf, die zu beantworten schwerfällt. Drei politisch – wenn auch in verschiedener Richtung – engagierte Professoren haben versucht, diesem so bedeutsamen wie merkwürdigen Ereignis der jüngsten französischen Geschichte beizukommen:

Raymond Aron: "La revolution introuvable. Reflexions sur les Evenements de mai";Fayard, Paris; 187 S., 15,– Frs.

Der Verfasser, Soziologe an der Sorbonne und Leitartikler des konservativen "Figaro", ist nicht nur durch seinen brillanten Geist bemerkenswert: er ist einer der wenigen, die radikal die Mai-Erhebung verurteilen. Ansonsten überwiegen in der Literatur Lobeshymnen. Den noch ganz von der Erschütterung im Mai gezeichneten Gesprächen und Zeitungsartikeln in diesem Bande fehlt die eigentliche Distanz zum Geschehnis, die Polemik überwiegt. Dennoch dringt der erstaunlich scharfe Blick des Autors oft über das Episodische hinaus.

Seine Meinung äußert Aron unverblümt. Die Mai-Krise – "Pseudo-Revolutiön", "Komödie", "kollektives Delirium" – entsetzt ihn: "Was sie (die Revolutionäre) befürchten, erhoffe ich, weil mir alle anderen Möglichkeiten als schlimmer erscheinen." Aron hält nichts von der Idee der Selbstverwaltung ("unvereinbar mit der Modernität"), optiert dagegen für eine "progressive Liberalisierung". In der Revolution das Böse schlechthin verwerfend, wünscht er Reformen. Doch dürften sie das "moralische Fundament" der Universität (und der Gesellschaft, darf man hinzufügen) nicht erschüttern.

Die anarchistischen Radikalen, sympathischer als die Kommunisten, seien diesen geistig unterlegen: "Der Naturzustand während des kurzfristigen revolutionären Karnevals ist gewiß reizvoll, doch wird er rasch unerträglicher als jegliche Ordnung." Im Mai habe es eher ein Psychodrama als eine Revolution gegeben. Mit offensichtlicher Freude zitiert er Proudhon: "Die französische Nation ist eine Nation von Komödianten." Die in fast jedem Franzosen schlummernde revolutionäre Erinnerung brach durch: "Alle diese Leute ahmten die großen Vorfahren nach und fanden die im kollektiven Unbewußten eingeprägten revolutionären Modelle wieder... In einem Jahrhundert, da die Revolutionen der 1848er Art sinnlos geworden sind, gaben sie sich selbst das Schauspiel einer großen Revolution." Ungeachtet des Entsetzens, bewahrt Aron seinen kühlen Kopf, wenn es um die Beurteilung der Kommunistischen Partei geht: er spricht von "einer tatsächlichen Übereinstimmung" zwischen ihr und der Regierung.

Die psychologische Erklärung der Krise ist kaum überzeugend, hält sie sich doch unterhalb soziologischer Erkenntnis. Stichhaltiger sind andere Gründe, die Aron nennt: der autoritäre Stil des Regimes (ein "Sonnenkönig" mit vielen "kleinen Königen"), das Fehlen von Zwischengliedern, eines Dialogs. Treffend auch sein Wort: "Obligatorische Teilnahme der Franzosen an allem, nur nicht an den Befehlen des Fürsten." Gewiß zeigt Aron vorhandene Abstrusitäten (Ferrari-Fahrer, die die Konsumgesellschaft verdammen!), doch macht er sich manches zu leicht. Seine Erschütterung ist mehr moralischer Art, sie führt weniger zu fruchtbaren, vom Ereignis bewegten Reflexionen. Er verwirft sogar die Mitbestimmungspläne de Gaulles als zu radikal!