Von Gerhard Ziegler

Frankfurt am Main

Wenn mir im Bonner Bundeshaus der SPD-Abgeordnete Schmitt-Vockenhausen über den Weg lief, nach Größe und Gewicht nicht zu übersehen, begrüßte ich ihn hin und wieder mit den Worten: "Ihre politische Karriere verdanken Sie nur mir!" Das hatte eine Vorgeschichte. Während des Wahlkampfes 1961 hatte ich den Kandidaten Schmitt-Vockenhausen auf einer Weiberundreise durch seinen Wahlkreis Groß-Gerau begleitet. Der Grund: Hier stießen mit den Kandidaten der SPD und der CDU traditionelle und moderne Wahlkampfmethoden aufeinander. Der traditionelle Kämpfer Schmitt-Vockenhausen mußte damals, nach den Siegen der Jahre 1953 und 1957, seinen Herrschaftsbereich gegen den Prinzgemahl im Allensbacher Institut für Demoskopie, Erich Peter Neumann, Bundestagskandidat der CDU, verteidigen. Denn dem Volksbefrager gelang es trotz Einsatz modemer Mittel nicht, die SPD-Bastion zu stürmen.

Auf meinen damaligen Wahlkampfbericht bezog sich die Anspielung. Der Mann der politischen Praxis, mit intimen Kenntnissen seiner Region, war dem Theoretiker vom Bodensee eindeutig überlegen.

Heute sieht das allerdings alles ganz anders aus. Heute ist nicht einmal sicher, ob "HSV" für seine Partei in Südhessen kandidieren wird. Für den sieggewohnten Fighter und bienenfleißigen Arbeiter ist das eine völlig ungewohnte Situation. Bisher hatte er in Wahlkampfjahren nur einen Gegner, den Kandidaten der Christlich Demokratischen Union. Diesmal muß er einen Zweifrontenkrieg führen: gegen die CDU und gegen die Jungsozialisten, denen sich mittlerweile zahlreiche "ältere" Gegner angeschlossen haben. Der SPD-Fraktionschef im hessischen Landtag. Erich Lang, forderte offen, gegen Schmitt-Vockenhausen hart vorzugehen.

Am Anfang schien alles recht harmlos. In langjähriger Abgeordnetenzeit war "HSV" zu einem treuen Gefolgsmann der "Baracke" geworden. Damit hatte er sich einen schweren Stand in seinem Heimatbezirk eingehandelt, der sich gegen den Bonner Kurs der Anpassung an die CDU, gegen die Große Koalition und gegen die Notstandsgesetze auflehnte. Wenn er trotzdem immer wieder als Kandidat der Südhessen aufgestellt wurde, dann deshalb, weil er ständig seinen Wahlkreis erobert hatte und zum anderen in Bonn als Spezialist für innenpolitische Fragen unentbehrlich geworden zu sein schien.

Das Mißbehagen trat in ein akutes Stadium, als sich Schmitt-Vockenhausen als Befürworter der Notstandsgesetze empfahl und Gegner seines Konzepts abqualifizierte. Schon 1961 bitte er sich für den Höcherl-Entwurf erwärmt, und schon sehr früh war er für eine Große Koalition eingetreten. Das hatte in der Bundeshauptstadt Gewicht, denn er war der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages. Aber in Südhessen sind die entschiedensten Notstandsgegner versammelt, ebenso gibt es hier die härtesten Kritiker des Bündnisses mit der CDU.