Von Adolf Metzner

Ein schlaksiger, achtzehnjähriger Schwimmer hat in Bonn bei den Internationalen Deutschen Hallenmeisterschaften durch großartige Leistungen im Freistilschwimmen Schlagzeilen gemacht. Über 400 Meter Freistil wurde eine jener "Traumgrenzen" unterboten, die sich allerdings nach einigen Jahren dann als normale Barrieren entpuppen. Unter vier Minuten schwamm der Mannheimer Hans Faßnacht, das bedeutet rein rechnerisch: viermal hintereinander die 100 Meter in jeweils unter einer Minute. Tatsächlich entsteht aber ein Tempoabfall, so daß die ersten 100 m erheblich unter 59 sec zurückgelegt werden mußten. Vor einigen Jahren waren das noch passable Zeiten für Kraulsprinter.

Wir haben die Parallele zum Lauf, wo über 400 Meter auch die Traumgrenze von 44 sec in Mexico City, jedoch unter anomalen Bedingungen, unterboten wurde. Auch hier galt vor noch nicht langer Zeit derjenige als ein guter Sprinter, der die 100 Meter unter 11 sec laufen konnte. Freilich trügt diese Feststellung etwas, da der 400-Meter-Läufer dreimal die 100-Meter-Strecke mit fliegendem Start zurücklegt, das heißt insgesamt etwa 2,5 Sekunden gewinnt.

Ein ähnlicher Vorteil wurde auch Faßnacht durch die 15 Wenden zuteil, die jedesmal durch das Abstoßen mit den Füßen von der Wand des 25 Meter langen Beckens eine zusätzliche Tempobeschleunigung bedeuten. Gegenüber den nur sieben möglichen Wenden bei der für Weltrekorde vorgeschriebenen 50-Meter-Bahn ein deutliches Plus. Die Angaben der Experten über das Ausmaß des Zeitgewinns schwanken, erheblich, da er auch von der jeweiligen Wendetechnik abhängt; fünf bis zehn Sekunden werden angegeben.

Diese Tatsache kann aber die glänzende Leistung des jungen Mannheimers nicht schmälern, der auch über 200 Meter Freistil in 1:53,4 min den amerikanischen Olympioniken Mike Burton besiegte und ihm nur über 1500 Meter unterlag. In Mexico City ging Faßnacht noch leer aus, worauf er zusammen mit dem deutschen Olympiadritten im 400-Meter-Lagenschwimmen, Michael Holthaus, zu dem berühmten amerikanischen Trainer Don Gambril nach Long Beach in die USA geschickt wurde.

Dort trainierte der ohne Medaille gebliebene Faßnacht wie ein Berserker, fünf bis sechs Stunden täglich. Damit bewältigte der deutsche Schwimmwunderjunge täglich im Wasser eine Trainingsstrecke von sage und schreibe 15 Kilometern, das heißt, er legte als Zweibeiner eigentlich schon amphibische Gewohnheiten an den Tag. Der erfolgreiche Holthaus entdeckte dagegen offenbar noch andere Freuden des College-Lebens, die aber der sportlichen Leistung meist nicht förderlich sind.

Psychologisch ist es zwar verständlich, nach dem Erfolg etwas zu verschnaufen, aber wer heute in der vordersten Front der Weltklasse, deren Leistungsniveau sich geradezu sichtbar immer noch weiter nach oben schiebt, bleiben will, muß in einer unerbittlichen Askese eine tägliche Trainingsfron absolvieren. Der Leistungssport ist längst zur Schwerstarbeit geworden, besonders in jenen Disziplinen, in denen wie hier das Training der Ausdauer oder aber das der Geschicklichkeit im Vordergrund steht.