Von Heinz Josef Herbort

Wollt ihr", fragte Papst Paul VI. die 220 Spitzenfunktionäre der Jesuiten, "wollt ihr heute, morgen und immerdar das bleiben, was ihr seit eurer Gründung für die heilige katholische Kirche und diesen apostolischen Stuhl gewesen seid?" Das war vor zweieinhalb Jahren, beim Abschluß der 31. Generalkongregation der Gesellschaft Jesu in Rom. Heute steht fest: Die Jesuiten wollen nicht.

Die mit rund 36 000 Mitgliedern stärkste katholische Ordensgemeinschaft, deren "Kadavergehorsam" einmal ebenso berühmt wie berüchtigt war, ist auf dem Wege zu einem neuen Selbstverständnis und einem veränderten Verhältnis zur Obrigkeit von Papst und Ordenskurie. An ihr aber, der "besonderen und treuesten Miliz der Kirche", wie Paul VI. sie damals nannte, ist – in einem Brennpunkt konzentriert – der derzeitige Stand der Entwicklung einer ganzen Kirche abzulesen.

Dieser letzte Stand: In Rom stellte in der vergangenen Woche der Regionalassistent der Jesuiten für die "germanischen" Länder, der neunundvierzigjährige Schweizer Marius Schoenenberger, sein Amt zur Verfügung und trat aus dem Orden aus. Aus Amsterdam telegraphierte am letzten Sonntag eine Versammlung von 124 holländischen Jesuiten an den General in Rom. Pater Pedro Arrupe, sie seien "grundsätzlich anderer Meinung in der Beurteilung der Funktion von Autorität in unserer Gemeinschaft"; die letzten Entscheidungen in Rom seien "ohne das Einvernehmen mit uns und ohne die Kenntnis der holländischen Verhältnisse gefällt" worden

Die Krise – wenn eine notwendige und allgemeine Entwicklung überhaupt eine Krise sein kann – begann bereits 1963, also noch in frühkonziliarem Stadium. Damals wurde der Senior der Amsterdamer Studentenseelsorger, der Jesuis Jan van Kilsdonk, nach Rom zitiert, um sich zu verantworten. Van Kilsdonk hatte in seiner Amsterdamer Studentengemeinde einige Tabus zu brechen gewagt, hatte liturgische Experimente unternommen und, gestützt auf die Theologen Schillebeeckx und Schoenenberg, die späteren Hauptautoren des holländischen Katechismus Textinterpretationen und Lehrmeinungen geliefert, die, in der Sprache unserer Tage, Glaubensinhalte und gottesdienstliche Formen humanisierten und aktualisierten – allerdings auch gegen die Tradition verstießen. Der Utrechter Kardinal Alfrink und die Theologen konnten damals van Kilsdonk herauspauken.

Amsterdam blieb jedoch das Zentrum der heilsamen Unruhe. Wie der Dominikaner Schillebeeckx mußte auch der Jesuit van Kilsdonk im vergangenen Jahr neue Vorwürfe aus Rom hören. In einem Interview mit der holländischen Wochenzeitung "de nieuwe linie" hatte van Kilsdonk heftige Angriffe gegen den "verzopften" und "verfilzten" Kirchenbürokratismus, gegen "mittelalterliche autoritäre Strukturen" und die "unglaubliche Unduldsamkeit" römisch-kurialer Kreise gestartet und eine Abspaltung von Rom als durchaus im Bereich des Möglichen erscheinen lassen. Van Kilsdonk revozierte später einiges, der Streit aber wurde sorgsam verhüllt – schließlich ist van Kilsdonk in seinem Orden inzwischen soweit vorgerückt, daß er als "Magister" nunmehr dem Papst untersteht und von den Ordensoberen nicht direkt behelligt werden kann.

Drei seiner Mitarbeiter in der Studentengemeinde jedoch, die Jesuiten Jos Vrijburg, Huub Oosterhuis und Ton van der Stap, gerieten in die Mühle kirchlicher Jurisdiktion. Anfang des Jahres überraschte Vrijburg seine Studenten und letztlich die ganze katholische Kirche mit der Ankündigung, daß er sich verloben wolle, aber beabsichtige, weiter seine priesterlichen Funktionen auszuüben. Als ihm der für Amsterdam zuständige Bischof von Haarlem, Zwartkruis, den Dienst in der Gemeinde verbot, verschworen sich die vier Geistlichen, notfalls "eine Gemeinde außerhalb der Verantwortung des Bischofs von Haarlem" zu gründen. In einem Kompromiß wurde erreicht, daß der inzwischen verlobte und aus dem Jesuitenorden ausgetretene Pater Vrijburg im Wortgottesdienst amtieren, aber nicht die Eucharistie feiern kann.