Unser Kritiker sah:

EIN DORF OHNE MÄNNER

Lustspiel von Ödön von Horváth

Deutsches Theater in Göttingen

Für Horváth braucht man die Trommel nicht mehr zu rühren. Endlich ist er im Schwang – drei Jahrzehnte nach seinem frühen Tod. Da es unter den siebzehn Bühnenstücken jedoch frühe und späte, starke und schwache gibt, gilt’s zu unterscheiden, damit durch eine sich vielleicht überschlagende Horváth-Mode nicht auch die balladesken Meisterwerke wieder weggespült werden.

FürGöttingen bedeutete einen verdienten Fund, was jetzt als "deutsche Erstaufführung" dort stattfand. Denn Heinz Hilpert war wohl der erste, der nach dem Kriege in seinem Göttinger Deutschen Theater immer wieder auf den deutschsprachigen Volksstückdichter hinwies, für den er vor 1933 schon als Regisseur in Berlin eingetreten war. Nun bekam Hilperts Nachfolger Fleckenstein eines der schönsten Horváth-Spiele: "Ein Dorf ohne Männer." Es schmeckt nicht so bitter wie manche der Gesellschaftssatiren, doch gibt sich die Poesie, auch hier nicht unkritisch. Dieses Lustspiel ist szenisch und sprachlich ein Meisterwerk. Obwohl der Dramatiker "einzelne Motive" einem ungarischen Romancier entlehnte, haben "die Personen, im Stück nichts mit jenen im Roman ("Die Frauen von Selitschje’ des Koloman Mikszáth) zu tun" – versichert Horváth. Nach der Göttinger Deutschland-Premiere darf man sagen: In dem "Dorf ohne Männer" begegnen sich Nestroyscher Sprachwitz und Shakespearesche Komödienweisheit.

Die Handlung spielt "während der Türkenkriege". Der junge Ungarnkönig Matthias Corvinus, wegen seiner Gerechtigkeit vom Volk schon "der Gütige" genannt, durchschaut und entlarvt List und Tücke, mit denen korrupte Hofbeamte ihn und das Volk betrügen. Die Anekdote, die von Horváth abendfüllend ausgebaut wurde, basiert auf der Bitte der Frauen von Selitschje, dem durch Krieg männerlosen Dorf dreihundert entlassene Soldaten zuzuweisen. Der König will zuvor drei Frauen als "Muster" sehen – die Männer könnten ja den Krieg zum Vorwand genommen haben, nicht; zu ihren häßlichen Eheweibern zurückkehren zu müssen. Dieses "Muster" serviert dem König der Graf von Hermannstadt, zu dessen siebenbürgischen Besitzungen das Dorf gehört. Zwei hübsche Frauen besorgt mit List ein Badestubeninhaber, die dritte ist die Gräfin, von Hermannstadt selber. Auf dem Umweg über die Eifersucht werden auch dem wahnbefangenen Grafen die Augen geöffnet durch das königliche Wort: "Es kommt nicht darauf an, ob man einer verfluchten Rasse angehört; es kommt darauf an, ob man Rasse hat."