Von Nina Grunenberg

Die in den letzten Monaten bekanntgewordenen Versuche von Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen, sich gegen die rotierenden Besitzverhältnisse auf dem Pressemarkt abzusichern und Vorsorge für ihre Unabhängigkeit und Meinungsfreiheit zu treffen, haben jetzt zum erstenmal ihre Parallele auch in einer Rundfunkanstalt gefunden. Am 21. April trafen sich im Westdeutschen Rundfunk rund 110 Redakteure und beschlossen einstimmig, eine Redakteursversammlung zu konstituieren, mit dem Ziel, partnerschaftliche Beziehungen zu den politischen Aufsichtsgremien des Hauses aufzunehmen.

Dieses Ereignis, für das es in anderen Anstalten bisher noch kein Beispiel gibt, ist allein deshalb schon bemerkenswert, weil noch vor einem Jahr keiner der Beteiligten für möglich gehalten hätte, daß der für ein solches Treffen nötige Korpsgeist überhaupt mobilisiert werden könnte. Als Redaktion gab es den WDR bislang nicht. Die Redakteure traten lediglich mit ihrer Einzelstimme innerhalb ihrer Abteilung auf, ohne Einfluß auf die Redaktionspolitik der Intendanz und der Aufsichtsgremien des Kölner Hauses, vor allem aber ohne nennenswerte Informationen aus diesen Gremien.

Im Verwaltungsrat des WDR, dem Steuerungsgremium der Anstalt, sitzen die Düsseldorfer Landespolitiker. Als Vertreter der Redakteure ist nur der Intendant zugelassen. Weder der Direktor des Hörfunks noch die Direktoren des Ersten und Dritten Fernsehprogramms haben Sitz und Stimme im Verwaltungsrat, obwohl dort laufend über sie und ihre Arbeit entschieden wird, angefangen von der Einstellung neuer Redakteure bis hin zu den Produktionen und ihren Kosten. Bei Bedarf wird der betroffene Direktor oder Abteilungsleiter nur in die Sitzung zitiert und nach erstattetem Rapport wieder entlassen.

Soviel über diesen unbefriedigenden Zustand auch nachgesonnen wurde – in ihrer Mehrheit reagierten die WDR-Redakteure lediglich mit Frustrationserscheinungen auf die Übergriffe der Politiker in ihre redaktionelle Arbeit. Erst ein Schock war nötig, um ihre Widerstandskräfte zu mobilisieren. Der Schock trat ein, als kürzlich in den WDR-Gremien die Frage diskutiert werden mußte, ob nicht auch Rundfunkredakteure wie Beamte zur Amtshilfe verpflichtet seien (ZEIT Nr. 13/1969).

Auf der Versammlung vom 21. April wurde ein sechsköpfiger Ausschuß gewählt, dem je zwei Redakteure aus dem Hörfunk und den beiden Programmen des Fernsehens angehören. Ihnen wurde aufgetragen, eine Satzung für die Redakteursversammlung auszuarbeiten und zu eruieren, ob ähnliche Bestrebungen auch in anderen Rundfunkanstalten im Gang sind. Schon jetzt glauben die WDR-Redakteure aber zu wissen, daß trotz allem die innerbetriebliche Unabhängigkeit in ihrem Hause größer und intakter ist als in jeder anderen Anstalt. Den Segen ihres Intendanten Klaus von Bismarck haben sie bereits. Er nahm an ihrer Versammlung teil und versprach, das Seine zu tun, um den Informationsfluß von der Spitze des Hauses in die unteren Ränge besser zu kanalisieren.

Sehr viel mehr wollen die Redakteure fürs erste gar nicht erreichen. Sie legen sogar Wert auf die Feststellung, daß in ihrer Versammlung weder über die redaktionelle Mitbestimmung noch über neue Strukturmodelle gesprochen wurde. Am liebsten wäre ihnen gewesen, wenn ihre Aktion überhaupt nicht bekanntgeworden wäre. Denn nichts fürchten sie mehr als "falsche Publizität" und die Unterstellung "revolutionärer" Ziele, die die Politiker, von denen sie als Gesprächspartner akzeptiert werden möchten, vorzeitig verstören könnten. Sie wollen lediglich "vernünftige Forderungen" stellen, die es den Politikern unmöglich machen, sie abzulehnen. In ihrer Entschließung vom 21. April formulierten sie: "Die Redakteure des WDR erinnern daran, daß sie ihre journalistischen Aufgaben im Sinne der Presse- und Meinungsfreiheit nur in völliger Unabhängigkeit von Einflüssen des Staates, von parteipolitischen Richtungen und wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessengruppen erfüllen können."

Das ist, vorsichtig und bescheiden, nur eine Besinnung auf die journalistischen Standesinteressen. Die WDR-Redakteure warten nun ab, ob den Politikern in den Gremien irgend etwas dazu einfällt.