Der General trat ab, aber die Fünfte Republik wankte nicht: Nach elf Jahren gaullistischer Herrschaft überstand Frankreich die ersten Tage ohne de Gaulle in Ruhe und Ordnung. Senatspräsident Alain Poher hat gemäß der Verfassung kommissarisch das höchste Staatsamt übernommen. In einer kurzen Ansprache über Rundfunk und Fernsehen ermahnte der 60jährige Politiker die Bevölkerung, die öffentliche Ordnung, das Gesetz und die Einheit des Landes zu wahren und die Wahl des neuen Staatsoberhaupts abzuwarten.

Das Kabinett Couve de Mürville hat sich zur Zusammenarbeit mit Poher bereiterklärt. Lediglich der linksgaullistische Justizminister Capitant trat zurück, weil er – wie er zur Begründung angab – nicht mit einem Mann zusammenarbeiten könne, der gegen die Reformpläne de Gaulles aufgetreten sei. Kulturminister Malraux, der seine Demission zunächst ebenfalls angekündigt hatte, wollte dagegen im Amt beiben. Auf der ersten Kabinettssitzung soll der Termin für die Neuwahl des Staatspräsidenten festgesetzt werden, die vermutlich am 18. Mai, spätestens aber nach 35 Tagen stattfinden wird.

Das französische Innenministerium gab am Montagabend das nahezu vollständige Endergebnis der Volksabstimmung über die Regional- und Senatsreform bekannt, mit der de Gaulle sein politisches Schicksal verknüpft hatte: Von den 29,4 Millionen wahlberechtigten Franzosen hatten sich 80,2 Prozent an dem Referendum beteiligt. Von den gültigen Stimmen lauteten 52,4 Prozent auf "Nein" (und damit gegen de Gaulle) und 47,6 Prozent auf "Ja" (und damit für de Gaulle).

Die Niederlage des 78jährigen Generals Charles de Gaulle hatte sich schon in der Nacht von Sonntag auf Montag abgezeichnet. Gegen Mitternacht ließ der Staatschef von seinem Landsitz Colombey-les-Deux-Églises verkünden: "Ich beende die Ausübung meiner Funktionen als Präsident der Republik. Die Entscheidung wird Montagmittag wirksam."

Der greise General, einer der großen Überlebenden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, hatte sich im Mai 1958 nach der Armee-Revolte in Algerien zum zweitenmal an die Spitze der Nation rufen lassen. Er setzte die Unabhängigkeit Algeriens durch, er löste Frankreich aus der NATO-Militärorganisation, er verhinderte den EWG-Beitritt Großbritanniens, er besiegelte zusammen mit Konrad Adenauer die deutsch-französische Freundschaft, er stellte seine Atom- und Entspannungspolitik in den Dienst der französischen Gloire.

Die Mai-Unruhen des vorigen Jahres, die die Fundamente der Fünften Republik erbeben ließen, überstand er; bei den Wahlen zur Nationalversammlung gewannen die Gaullisten eine überwältigende Mehrheit. Das Referendum über die Regional- und Senatsreform, das der General ohne Not zu einer Volksabstimmung über seine bis 1972 laufende Amtszeit hochdramatisierte, kostete ihn sein Amt.

Der Abgang de Gaulles von der politischen Bühne hat in Frankreich und in aller Welt ein bewegtes Echo gefunden. US-Präsident Nixon äußerte in einem amtlichen Brief an de Gaulle sein "tiefes Bedauern" über den Rücktritt. Bonns Regierungssprecher Diehl erklärte: "Deutschland schuldet Charles de Gaulle Dank." Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS meldete den Rücktritt ohne jeden Kommentar.

In Frankreich ist hinter den Kulissen der Kampf um die Nachfolge entbrannt. Dabei scheinen sich die Gaullisten bereits auf einen Mann geeinigt zu haben, den de Gaulle im Juli vorigen Jahres als gefährlichen Rivalen in die "Reserve der Republik" versetzt hatte, der heute aber auch Sympathien in der bürgerlichen Mitte finden könnte: Georges Pompidou (55), Premierminister von 1962 bis 1968. In Paris kursierte bereits die Parole: "Nach de Gaulle nicht die Sintflut, sondern Pompidou."