Von Marietta Riederer

Alles in allen: Rund eine halbe Million neuer Kleider für den nächsten Winter wurden den Einzelhändlern innerhalb von drei Wochen angeboten. Zu sehen waren sie auf der 19. Modewoche in München (1260 Aussteller), auf der 75. Berliner Durchreise (1510 Aussteller), auf der 81. Igedo in Düsseldorf (1300 Aussteller), auf dem 17. Salon International Pret-a-Porter in Paris und auf den Florentiner Veranstaltungen "Boutique-Mode" und "Alta-Modapronta".

Es ist ein schwindelerregender Job, bei dieser ständigen Expansion des Angebotes seine Orders richtig zu placieren. Glücklich, wer schon Erfahrungen hat, sein Programm mit Scheuklappen genau verfolgte, seine Kunden und die dazu passenden Hersteller kennt und sich durch nichts irritieren ließ.

Jagd durch Monsterhotels, die etagenweise eine Kollektion neben der anderen beherbergen, durch riesige Messehallen, die immer weit draußen liegen, zu Modellschauen in den eigenen Räumen der Konfektionäre oder in Nachtlokalen oder Restaurants, in Paris schon zum ersten Frühstück. Zufriedene, Enttäuschte, Wütende, Gelangweilte, Verbissene, Unsichere, Aalglatte, Erwartungsvolle, ungeduldig dem Nachtleben entgegenfiebernd, unermüdlich von Schau zu Show eilende Journalistinnen – ein hektisches Hin und Her, vergnüglich bei Fülle, triste bei Leere.

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"Triste biste", zum Beispiel, wenn die Aussteller in den riesigen Hallen der eben erst gegründeten "Interchic" unter dem Berliner Funkturm ihre Ware so ohne Getümmel bereithalten. Auch das Wahrzeichen der Interchic, die originalgetreu nachgebaute Gemini-Rakete, umgeben von einer Herde aufgeblasener Mammutsessel aus. Plastic, ist für die Mode nicht sonderlich zugkräftig. Die Jugend will’s romantisch, sie kostümiert sich lieber: Flohmarkt- und Folklore-Stil neben korrektem Hosen-Look sind die neuen Verführer. Die Berliner Interchic kam spät: Man muß den Einkäufern nun Zeit zur Gewöhnung lassen und ihr selber Geduld zum Erfolg wünschen.

Messemüde Modeleute atmen in Berlin gewöhnlich auf. Hier kann man in Ruhe bei seinen Firmen auf der Etage ordern. Man hat seine Ecke im Salon, seinen ständigen Verkäufer und, nicht zu vergessen, einen Kaffee-Kuchen- und Sekt-Sandwich-Service, der nirgendwo persönlicher und freundlicher besorgt wird als von den weißbeschürzten "Muttchens" der Berliner Konfektionshäuser. Dies nun zum 75. Mal mit Erfolg praktiziert – wer möchte es missen?