Steht zwei Jahre nach dem Ende des letzten Krieges im Nahen Osten eine neue Schlacht bevor? Nixon fürchtet es, auch Moskau ist besorgt. Die Araber sind bestrebt, diese Gefahr mit schreckenden Zeichen an die Wand zu malen. Die Israelis dagegen bemühen sich, die Kriegsdrohung als plumpen Kairoer Propagandatrick abzutun. Es seien nur, so heißt es in Jerusalem, "Nadelstiche"; die arabischen Armeen seien höchstens in zwei Jahren so weit, einen massiven Frontalangriff zu wagen. Was stimmt an alledem?

Sicher ist seit langem, daß aus der Konfrontation keine Koexistenz wird. Gewiß ist seit einer Woche, daß der Kleinkrieg an der Suez-Front eine neue Eskalationsstufe erklommen hat. Zum erstenmal seit dem Feuereinstellungsbeschluß vom Juni 1967 greifen die Ägypter israelische Stellungen mit regulären Kommandoeinheiten an. Innerhalb weniger Tage gab es fünf solcher Unternehmungen; sie gingen für die Angreifer verlustreich aus. Um so größeren Eindruck machten sie indessen bei den Friedenssuchern in New York. U Thant sprach bereits von einem "aktiven Krieg". Auch die Großmächte, uneins bis heute über den Weg, den sie zur Eindämmung des Brandherdes einschlagen sollen, sind über die Steigerung des Konfliktes beunruhigt.

Diese Kriegspsychose scheint es zu sein, die Nasser anstrebt. Mit militärischen Mitteln versucht er, die Israelis auf dem Feld der Diplomatie zum Hauptstörenfried zu stempeln. Die Juden, so soll die Welt erkennen, sind wieder einmal an allem schuld. Auch für den Hausgebrauch verspricht er sich einiges von seinen Attacken. Seine Soldaten können sich endlich revanchieren; überdies demonstriert er den Palästinensern, daß er ihren Guerillas nicht allein das Kämpfen überlassen will. Und er ruft den skeptisch gewordenen Arabern in den übrigen Ländern in Erinnerung, daß er noch immer ihrer aller Führer sei.

Mag also, aus der Nähe betrachtet, das Anheizen des Konfliktes eher der psychologischen Kampfführung dienen, mag Nasser sein Risiko auch genau kalkuliert haben – gerade in diesem Teil der Welt hat oft genug ein Funken genügt, um das Pulverfaß zur Explosion zu bringen.

Die Großmächte wären wieder nicht in der Lage, als Feuerwehr rechtzeitg einzugreifen. Es steht wohl in ihrer Macht, den großen Krieg untereinander zu verhindern, der alle schreckt. An den Randzonen ihrer Herrschaftsbereiche aber können begrenzte Konflikte jederzeit entbrennen. Der Nahe Osten liefert dafür eine bittere Lektion. D. St.