Vor fünfzig Jahren – die Münchner Räterepublik lag in den letzten Zuckungen – wäre er um ein Haar als Geisel erschossen worden. Doch der junge Fliegerleutnant und Student entkam glücklich und wurde Hitlers treuester Gefolgsmann. Mit dem Leben kam Rudolf Heß auch später davon: Sein ebenso tollkühner wie törichter Friedensflug nach England endete in der Gefangenschaft. In den 28 Jahren, die seither vergangen sind, hat Heß immer hinter Gittern gesessen – zuerst in britischer, dann in Nürnberger Untersuchungshaft, seit 1946 schließlich in Spandau.

In allen zivilisierten Nationen werden "Lebenslängliche" kaum länger als zwanzig Jahre eingesperrt; bei Heß aber wurde die Strafe vor anderthalb Jahren sogar noch verschärft: seither sitzt er völlig allein in einem Gefängnis, das für 600 Häftlinge vorgesehen ist. Wieder und wieder sind die vier Großmächte gebeten worden, den einsamen Greis freizulassen. Bis zu seinem 75. Geburtstag Ende April hatten mehr als 60 000 Menschen einen Gnadenappell unterzeichnet, unter ihnen so unverdächtige Männer wie Carl Zuckmayer, Julius Epstein, Carl J. Burckhardt, Golo Mann, Paul Henri Spaak, Sefton Delmer, André François-Poncet und Lord Rüssel of Liverpool.

Die drei westlichen Alliierten machen es sich bequem und schieben die Verantwortung für die Spandauer Justiztragikomödie allein den Sowjets zu. Nicht immer waren die Sowjets so unnachgiebig wie bei Heß; bei mehreren seiner schwererkrankten Mithäftlinge haben sie der vorzeitigen Entlassung zugestimmt. Heß jedoch soll nach ihrem Willen nicht nur dafür büßen, daß er sich "Stellvertreter des Führers" nennen durfte; sie können ihm nicht verzeihen, daß er noch einen Monat vor dem deutschen Überfall auf Rußland mit England Frieden schließen wollte.

Wie hoch man auch seine historische Schuld bemessen mag (niemand hat Hitler so in den Himmel gelobt wie er), ein Schreibtischmörder war er nicht. Warum ihm nicht jene Freiheit zubilligen, deren sich manche längst erfreuen, die sich im Dritten Reich weit schlimmerer Verbrechen schuldig gemacht haben. Wenn die Westmächte wollten, könnten sie die Vier-Mächte-Vereinbarung über Spandau jederzeit aufkündigen. Zuständig für Heß wäre dann nach den Statuten das Land, das ihn gefangennahm – in diesem Fall England.

Wie schrieb die angesehenste englische Zeitung, die Times? "Es ist unmenschlich, ihn. noch länger in Haft zu halten." K. H. J.