Von Martin Gregor-Dellin

Das Interesse an autobiographischen Schriften ist das Interesse an der Welt, dividiert durch einen Autor. In dieser Gleichung kann die eine oder andre Größe eine Unbekannte sein; je nachdem überwiegt die Aufmerksamkeit, welche die Gegenstände und Menschen in ihrer Spiegelung oder der Spiegelnde selber erwecken. Dem einen nimmt man nur die Gesellschaft ab, die ihn umgibt, das Kaleidoskop genau benamter Zeitgenossen, Frauen, Fixsterne. Von Piontek erwartet man von vornherein anderes. Ihm geht es in seinen Skizzen und Prosatexten um Bilder der Erinnerung, Erwägungen und Rückblicke, Vorlieben, Aufenthalte und Begegnungen mit sich selber. Es sind eher Causerien im Sinne Fontanes, der das Plaudern als Kunstform in die deutsche Literatur eingeführt hat, Studien mit einer Neigung zum Beiläufigen und Spielerischen, als Laudationen, wie sie der Titel vermuten lassen könnte –

Heinz Piontek: "Liebeserklärungen in Prosa"; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 215 S., 14,80 DM.

Es empfiehlt sich daher, einiges mehrmals zu lesen, damit das Ohr sich auf die relativ unzeitgemäße Tonart einstellt, die hier angeschlagen wird. Überhaupt sollte man besser das eine oder andere, wie die Villa-Massimo-Studie oder das Feuilleton über prominente Städte, überblättern, sollte sich heraussuchen, worauf es ankommt, und sich konzentrieren auf die spanischen Reisebilder, die Andalusiens Ernst, Schärfe und Zierlichkeit unter einem "konkreten" Himmelsblau zur Anschauung bringen; auf die Beschreibung eines Waldstücks oder auf die Erschütterung vor – Bücherwänden: "Auch Bücher werden Vergangenheit. Und das Dunkel löscht ihre Tafeln in unserem Gedächtnis." Eine Betrachtung über die Schreibfeder kann zu einem Akt der Selbstdarstellung und Selbstenthüllung werden. Menschen kommen selten vor, außer dem Urbild einer modernen Münchnerin, die anonym bleibt.

Erinnert wird Landschaft und das Verhältnis zu ihr, selbst wenn sich darin Distanz und Wandlung abzeichnen. – "Als ich in einem Band mit Reproduktionen von Pieter Brueghel blätterte, ging mir durch den Kopf, daß wir den Winter eigentlich nur in den frühen Jahren rein und unverstellt erfahren. Älter geworden, vermummen wir uns nicht bloß fester vor seiner Witterung, auch unser Verhalten zu ihm ändert sich." Piontek zieht es vor, den Ursachen solcher Veränderungen in den Verästelungen der Existenz nachzuspüren, anstatt Kardinalfragen zu stellen, da mit den Mitteln der Kunst-ihnen manchmal nicht beizukommen ist und der Kampf mit dem Tod für ihn ohnehin nicht gewonnen werden kann. Seltsamerweise sprechen diese Liebeserklärungen an die Dinge der Umwelt daher ständig von Erfahrungen mit der Vergänglichkeit.

Auch in den "Minima" genannten Texten kreist der erste ums Älterwerden: ein Problem der Reife, der "mittleren Jahre", wie sein Roman hieß. Mittlere Jahre zeitigen Melancholie, aber noch keine Resignation; Selbstverständnis, aber ohne Bitterkeit; vielleicht auch ein Umsichblicken und Gewahrwerden, wie alles auf eine schiefe Ebene geraten ist, auf der es holterdipolter abwärtsgeht, "und meine Jahre mir auf den Fersen wie den Mädchen der Hemdzipfel" – später achtet man auf die Rutschbahn nicht mehr, man fällt nur noch.

So handelt Pionteks Prosa vom Vergehenden, dem Wind; von den unentzifferten Lauten in der Luft; von mildtätiger Blicktrübung. "Wenn ich mich recht entsinne, hat mich der Rauch immer stärker beschäftigt als das Feuer", heißt es im "Kolleg über den Rauch". Rauch ist gewichtlos gewordene Welt: wie der Gedanke, wie die Sprache. Piontek liebt die Anti-Welt des zweiten Raums, den der Raucher um sich erzeugt, und: kann sich einen Rauchmaler vorstellen, der Luft "hinter den verschiedenen Schichten von Rauch verschwinden läßt, als ob sie ein Malgrund wäre".

Malerei aus Andeutungen, Buchstabenzauber – keine Parolen, keine Verfestigungen. In der Skizze "Mit Wasserfarben" wird Leichtigkeit und Klarheit anvisiert, scheinbare Mühelosigkeit. Erst beim nochmaligen Lesen erfährt man, daß das Buch nichts anderes geben will als solche Lasuren. "Schließlich sind Wasserfarben nichts weiter als ein Mittel, den Grund durchscheinen zu lassen." Diesen Daseinsgrund sucht Piontek mit wechselndem Glück, als ein unentbehrliches Lebenselement, oder – wie es im selbstbefragenden, sympathisch ehrlichen Nachwort heißt – als "durchscheinenden Grund einer Sinnfigur", als Antwort auf die Frage, warum er es nicht lassen kann, Worte hinzusetzen, leere Seiten mit schwarzen Buchstaben zu füllen, "Licht in eine dunkle Geschichte zu bringen".