Von Jürgen Manthey

In New York hat kürzlich jemand Buchkäufer befragt. Dabei stellte sich heraus, daß die wenigsten ein erworbenes Buch auch zu Ende lesen. Nur elf von neunundfünfzig Käufern zum Beispiel hatten bei Saul Bellows "Herzog" bis zur letzten Seite durchgehalten. (Dafür gab es keinen einzigen enttäuschten Leser von Jacqueline Susanns Bestseller "Tal der Puppen".) Am schlechtesten schnitt jedoch John Updike mit seinem neuen Roman "Couples" (Paare) ab. Sechsundsechzig von tausend Befragten hatten ihn gekauft, aber nur vier mochten mehr als dreiunddreißig Seiten davon lesen. Dabei ist "Couples" immerhin, wie die Londoner Times es umschrieb, der Versuch, den Kinsey-Report in Romanform unter die Leute zu bringen.

Wie mögen Käufer da erst auf ein Buch wie

John Updike: "Auf der Farm", Roman, aus dem Amerikanischen von Fritz Lorch; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 204 Seiten, 18,– DM

reagieren. Nicht nur, daß darin lediglich ein einziges Paar vorkommt. Der Ich-Erzähler ist so mit sich und der Landschaft, aus der er stammt, beschäftigt, daß er seine Frau in die Beschreibung der Gegend gleich mit einbezieht. Er findet: "Von oben betrachtet, vermittelt sie den Eindruck eines Terrains." Wie die Farm und die blumenreichen Gärten, die sie umgeben, bewirkt auch ihr "Besitz in meinem Leib ein süßes Dehnen". Die Wie-Vergleiche reißen danach über eine ganze Seite hin nicht mehr ab, denn: Wenn man in sie eintritt, bietet sie eine Mannigfaltigkeit von Landschaften dar" (gemeint ist immer noch die Frau des Erzählers). Als der Ehemann dann endlich die Metaphern-Blumenwiese verläßt und zur Gattin unverblümt sagt: Let’s fuck", wird uns das auf deutsch behutsam als "Komm ins Bett" übermittelt.

Überhaupt, der Übersetzer gibt der Neigung zu einem auf Bildungs-Kunstdünger gewachsenen Edeldeutsch zu gern nach. Es wird in dem Buch "verweilt", jemand ist, als Erscheinung, "hauchhafter und wendiger denn je". Wobei es weder den Autor noch den Übersetzer stört, daß die gleiche hauchhafte und wendige Person eine Seite weiter die Besucher mit ihrer "ironischen Langsamkeit dahinschreitend" ins Haus "geleitet".

Diese Besucher: ein Ehepaar aus der Stadt, beide zum zweitenmal verheiratet, und ein Junge aus der ersten Ehe der Frau. Er spricht das naseweiseste Papierdeutsch von allen. Trotzdem hat er die meisten Chancen bei der Mutter des Erzählers, der die Farm gehört. Das ganze Buch hindurch sitzen und stehen die vier nun wie auf Kohlen herum. Es ist eine schwelende, düstere Kohlenglut. Die Tragödie einer Ödipus-Bindung von griechischer Ausweglosigkeit ist ganz aufs Statische reduziert. Auch die Unruhe der Frau kann keine Bewegung in die festgefahrene Geschichte bringen. So beherrscht sie sich schließlich, obwohl die Alte weiter gegen sie stichelt – was zuletzt selbst der Sohn merkt und mit dem Satz quittiert: "Die Luft des Hauses hatte eine Wunde davongetragen."

Updikes Schwäche, sich in künstlichen Stimmungen schwelgend an den Ort und die Bedingungen seiner Herkunft zu verlieren, nimmt in diesem Buch vollends überhand. Wer die Lebensgeschichte des Autors kennt, dem wird nicht entgehen, wie viel an dieser zagen, stilisierten, ergebnislosen Selbstbegegnung eines nicht zum Künstler gereiften Künstlers autobiographisch ist. Dazu ist er immer noch der ambitiöse Impressionist der eigenen problematischen Menschennatur, die ihm unter den Händen gar zu leicht – bleiben wir gleich in dem Bild, das Updike in diesem Buch so strapaziert hat – zum privaten Naturschutzpark gerät, zu einem Pücklerschen Arkadien, in dem des Autors Neurosen die ausgefallensten Stilblüten treiben.