Die Grippe war diesmal hartnäckig und obendrein regellos. Fieber wechselte mit Untertemperatur. Sogar der Schnupfen war unbeständig. Er kam und ging und kehrte wieder. "Selten eine so unordentliche Grippe gehabt!" sagen alle, die sie hatten. Nicht nur, daß sie mit Husten anfing. Sie hörte auch mit Husten auf, der noch lange nachkäme. Der Husten also bildete für die Grippe etwas wie Umrahmung, etwas wie Harmonie. Zugleich würzte er die Krankheit selbst durch Paukenschläge. Und ich zitierte: "Wenn denn Musik der Seele Nahrung ist..."

Im Radiogerät neben dem Bett hab’ ich nie so viele Stationen erwischt wie jetzt, im Zustand der Grippe. Und da der Mensch forscht, solange er lebt, ob im Stehen, Sitzen, Liegen, wurde mir die Erkenntnis zuteil, daß es Schlager-Grenzen gibt. Es sind unordentliche Grenzen.

Auf dänischen und auf schwedischen Wellen zum Beispiel tönen deutsche Schlager, "Evergreens", die zum Teil sehr angewelkt sind. Belgische Stationen geben sich entweder angelsächsisch (die flämische Welle) oder französisch (die wallonische); denn wie der "Sprachenstreit", so teilt der Schlagerriß das Land. Die deutschen Sender machen sich nur wenig aus Pariser Chansons, und die französischen nichts, aber rein gar nichts aus deutschen Schlagern, während in den italienischen Sendungen vornehmlich eigener Saft kocht. Ziemlich lautstarkes Italien.

Von der Weltmacht Amerika will ich schweigen: "Spielt oder imitiert!" scheint ihre Parole zu sein, der die Engländer am treuesten folgen, dieselben Briten, die uns Europäer einst die völkerversöhnenden Beatles schenkten. Was mich grippekranken, wehrlosen Mann jedoch am meisten bekümmerte, war und blieb die schon erwähnte Tatsache, daß die uns freundschaftlich verbundenen Franzosen von unseren Schlagern nichts wissen wollen, rein gar nichts. Warum? Weil deutsche Schlager schlechter sind als ihre Chansons? Weil sie deren so viele machen, daß sie keinen Platz für unsere, höchstens noch für amerikanische Schlager haben?

Nach, acht Tagen war ich der in Uneinigkeit lebenden Schlager- und Chansonwelt so überdrüssig, daß ich erfreut aufhorchte, als ich durch Zufall eine Kurzwelle fing, auf der nicht gesungen, sondern telephoniert wurde, offenbar via Norddeich. Das hörte sich tröstlich, nämlich folgenderweise an: "Na, Mutti, bist du da? Prima! Hier spricht Paul, ja, Paul. Nu hör mal zu: Wir laufen wohl erst morgen abend in Hamburg ein. Wir haben Nebel im Kanal. Und daß du’s gleich weißt, aber mach’ dir nix draus: ich hab’ ’n büschen Grippe!"

"Ach, Paul, daß du’s nur weißt: Das schadet nix. Ich auch."