"Der jüdische Witz", herausgegeben von Saida Landmann. 2845 jüdische Witze auf einmal in dieser neu bearbeiteten und erweiterten Ausgabe: aber da die Menschheit in ihrer ganzen Geschichte wahrscheinlich keine 2845 guten Witze verfaßt hat, darf man sich nicht wundern, daß dort auch schwächere Witze und schwächere Varianten der guten Witze zu finden sind. Man muß schließlich auch mit den Lesern rechnen, die nur die schwächeren verstehen werden. Salcia Landmann ist es mit diesem Buch nicht gelungen, die Ansicht zu widerlegen, daß die Frauen den Männern auf dem Gebiet der Wissenschaft an Fleiß und Gründlichkeit nicht nachstehen^ diese sogar in vielen Fällen übertreffen, aber daß, wenn es sich ums gekonnte Erzählen von Witzen handelt, die Emanzipation noch viel nachzuholen hat. Nichtsdestoweniger liegt die Nützlichkeit der Sammlung in ihrem großen Umfang: Diejenigen, die keine jüdischen Witze kennen, werden sich an vielen Entdeckungen erfreuen, die, die sie kennen, werden sich an viele erinnern, welche sie schon vergessen hatten, und manche kennenlernen, die sie noch nicht kannten. Erzählen werden sie sie sowieso auf ihre eigene Art. (Walter-Verlag, Olten/Freiburg; 701 S., 24,– DM) Gabriel Laub

"Melmoth der Wanderer", Roman von Charles Robert Maturin. Dieses Kabinettstück der Schwarzen Romantik, 1820 erstmals publiziert, verfaßt von einem irischen Pfarrer französischer Abstammung, geschätzt und gepriesen von Hugo, Baudelaire, Balzac, Hofmannsthal und Breton, ist die Geschichte eines Unglückseligen, der seine Seele dem Teufel vermachte, um übernatürliches Wissen, übermenschliche Fähigkeiten und ein Leben von hundertfünfzig Jahren zu erlangen, und der nun – Faust und Ahasver zugleich – auf der Erde umherirrt. Er könnte erlöst werden, wenn er einen Menschen fände, der bereit ist, an seiner Stelle in den Teufelspakt einzutreten. Doch er findet kein stellvertretendes Opfer, unter anderem deshalb, weil Melmoth als satanischer Gentleman davor zurückschreckt, andere zum Martyrium zu verurteilen, obwohl das in seiner Macht stünde. Also findet er, plötzlich schaurig gealtert, zum festgesetzten Zeitpunkt sein Ende: Er fährt zur Hölle. "Melmoth der Wanderer ist nicht irgendein mit Spürsinn ausgegrabener alter Schmöker, sondern der beste englische Schauerroman, ein dickleibiger Knüller und pechschwarzer, zudem noch kunstvoll komponierter Thriller von teuflischem Tiefsinn. (Carl Hanser Verlag, München; 1007 S., 24,80 DM)

Jörg Drews

"Bakunins Reise"/"Thorn", zwei Erzählungen von Lars Gustafsson. Schon seine Gedichte haben bewiesen, daß dieser junge schwedische Autor ein Meister in der Kunst des Weglassens ist. Diese beiden Geschichten beweisen es erneut. Gustafsson arbeitet nahezu ausschließlich mit dokumentarischem Material. Das Fiktive, in diesem Fall die Deutung der berichteten Fakten, ergibt sich allein aus deren kompositorischer Anordnung. In "Bakunins Reise" zum Beispiel wird eine Episode aus den letzten Jahren des russischen Sozialrevolutionärs geschildert. Auf einer Eisenbahnfahrt trifft dieser mit einem Mann zusammen, der ihm ohne konkreten Grund einen starken Widerwillen einflößt. Er erkennt in ihm René Bick, den fünffachen Frauenmörder. Wenig später gibt Bakunin öffentlich bekannt, er habe seine revolutionäre Arbeit endgültig eingestellt. Der Autor verliert kein Wort über den Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen, die bloße Gegenüberstellung sagt genug. Und das, scheint mir, ist Kunst. (LCB-Editionen 4, Verlag Literarisches Colloquium, Berlin; 25 S., 2,– DM) Helmut Salzinger

"Archeblues" und andere Sprechgesänge, von Hanns Dieter Hüsch. "Ein klitzekleiner Spaßmacher/In unsrer bittern Welt" – das und noch etwas mehr möchte Alleinunterhalter Hüsch sein: Mit doppelbödigem Gesang will er sein Publikum amüsieren und ihm zugleich den Spiegel vorhalten, es über eigene Schwächen lächeln machen und dadurch bessern. Mit unterschiedlicher Treffsicherheit attackiert er Bildungsbürger und Vereinsmeier, Italientouristen und auch mal die "Verhältnisse", ohne jedoch das Risiko einzugehen, sich die Finger an allzu aktueller Tagespolitik schmutzig zu machen. Einen klitzekleinen Spaß macht das nur, wenn Hüsch gängigen Phrasenschwulst sich selbst entlarven läßt, wenn er (selten genug) in lakonischer Pointe dem Leser die "Moral" mehr suggeriert als oktroyiert, wenn ihn seine in der Tat geläufige Zunge nicht in platte Kalauerei trägt, wenn er nicht in hilfloses Lamentieren über die Lieblosigkeit der Welt gerät. Mit der kathartischen Wirkung der gewiß gutgemeinten philanthropischen Allgemeinplätze ("Es muß möglich sein, die Liebe auszuführen dürfte es nicht weit her sein. (Sanssouci-Verlag, Zürich; 142 S., Abb., 9,80 DM)

Rainer Zimmer

"Der leichte Mann", Roman von Catherine Breillat. Diese 160 Seiten vermitteln dem Leser, der leicht einzuschüchtern ist, das Gefühl seiner völligen Ahnungs- und Arglosigkeit; die anderen aber werden ihre unfreiwillige Komik einmalig finden und daraus ihren Lustgewinn ziehen. In Ketten von ungeheuerlichen Vergleichen ("...ihre Beine... wie die Strahlen einer allzu anziehenden Sonne... strecken sich träge wie prähistorische Reptilien, wie Schlangen, wie Boas..."; "L... ist das Gold, dem man den Rock bis zu den Hüften hochhebt..."; "L... ist eine Hülle aus Träumen, jederzeit nahe daran, wie seine Gelenke zu brechen ...") wird Ungeheuerliches dargeboten: Der siebzehnjährigen Autorin blieb es zum Beispiel vorbehalten, eine ganz neue Variante versuchter Selbstbegattung zu schildern, die allerdings, was Wunder, mißlingt. Dafür wird der Leser mit einem Harakiri entschädigt, bei dem das Herz mit dem Geschlechtsteil herausgerissen wird. Wenn ihr auch der Klappentext ihre eigene "Madame Bovary" prophezeit – kein Zweifel, die Autorin kann es als eine Friederike Kempner der Pornosophie noch weit bringen (Verlag der Europäischen Bücherei H. M. Hieronimi, Bonn; 160 S., 14,80 DM) Katharina Hoke