Von Gottfried Sello

Eine optimale Darbietung aktueller deutscher Kunst hatte den Veranstaltern vorgeschwebt, als sie zum Salon der Kunstkritik aufriefen. Kritiker sollten ihren Favoriten nominieren, genauer: ein bestimmtes Werk ihres Favoriten; als nachher die Beteiligung hinter den Erwartungen zurückblieb, durfte jeder bis zu drei Werke des Künstlers seiner Wahl vorschlagen.

Im ersten Moment klingt das bestechend. Kommerzielle, ideologische, persönliche Interessen, die den Kunstbetrieb angeblich oder tatsächlich manipulieren, waren ausgeschaltet; es gab auch keine Mehrheitsentscheidungen einer Jury, die sich als ebenso problematisch erwiesen haben wie die autoritäre Willkür von Biennalekommissaren.

Der Ausweg also aus dem Dilemma, der hier versucht wurde: man überlasse die Auswahl den Kritikern. "Diese Gruppe der in Deutschland über deutsche Kunst in dafür meinungsbildenden Organen berichtenden Schriftsteller, die deutsche Kunstkritik um Mitarbeit bei der Nominierung je eines ,aktuellen’ Künstlers zu bitten, schien besonders sinnvoll." So Hans Alexander Baier in seinem Magazin Kunst, das für die Ausstellung "Kunst und Kritik" verantwortlich zeichnet. Das Museum Wiesbaden stellte außer ideeller Unterstützung auch seine Räume zur Verfügung, das Von-der-Heydt-Museum in Wuppertal schloß sich an, und die Ausstellung, die so zustande kam, ist bis Ende Mai in Wiesbaden, im Juni und Juli in Wuppertal zu besichtigen.

Die Kritiker sollten, auch das muß erwähnt werben, sich nicht nur für einen Künstler entscheiden, sie sollten ihre Entscheidung schriftlich auf maximal 77 Zeilen begründen. Die Begründungen sind in Heft 34 von Kunst abgedruckt, das Heft ist lesenswert, es dient als Ausstellungskatalog und bringt interessante Beiträge zum Thema Kunstkritik: "Was ist das – Wie ist das – Wozu ist das?"

Nimmt man die Ausstellung als Antwort auf diese Fragen, dann ist es um die Kunstkritik wirklich schlecht bestellt.

Ich gebe zu, es ist schwierig und auch ein bißdien peinlich, sich kritisch zu diesem Salon der Kunstkritik zu äußern, und alle Kritiker befinden sich da in der gleichen prekären Situation. Wir alle würden, wenn es um eine Gerichtsverhandlung ginge, als befangen abgelehnt werden. Die einen, weil sie mitgemacht haben, die andern, weil sie es vorgezogen haben, abseits zu bleiben – und erst recht die Kritiker, die gern mitgemacht hätten, aber nicht eingeladen wurden, weil Baier mit ihren Zeitungen nicht einverstanden war. Als Befangener zweiten Grades (eingeladen, nicht teilgenommen) habe ich mir den Salon angesehen, und ich halte ihn, befangen oder unbefangen, für alles andere als eine optimale Darbietung. Viele Kritiker, das hat sich inzwischen herausgestellt, übrigens auch solche, die mitgemacht haben, urteilen ebenso negativ über das, was in Wiesbaden als die Quintessenz der deutschen Kunstkritik präsentiert wird.