Von Werner Höfer

Mitbestimmung (bis zur Mitbeteiligung) scheint sich – ohne Gewerkschaft und ohne Gesetzgeber – am ehesten dort zu ergeben, wo keiner sie erwartete und wenige sie wollten: bei der Presse. Die Parteien sprechen davon nicht gerade gern, die Journalisten tun etwas dafür. Wo immer in diesen Tagen, sei es beim Zwei-Millionen-Magazin stern in Hamburg, sei es beim regionalen Niveaublatt in Stuttgart, über das Verhältnis der Redakteure zum Verleger reflektiert wird, zitiert man das "Monde"-Modell, das klassische Beispiel für journalistische Participation.

"Le Monde" ist ein Klassiker unter den Weltblättern. Auf Ranglisten, so fragwürdig sie sein mögen, rangiert das Großjournal im Kleinformat in der Spitzengruppe. Wenn die Größe einer Zeitung von Qualität, Unabhängigkeit, Verbreitung und Einfluß bestimmt wird, dann liegt "Le Monde" Kopf an Kopf mit der "New York Times" und um Längen vor dem übrigen Feld. In Nachfolge und Nachahmung des alten "Temps" verschmäht "Le Monde" Illustrationen und Sensationen, erscheint nach altem Brauch zwischen Mittag und Abend in drei Ausgaben und hat, bei steigender Tendenz, eine Auflage erreicht, die höher ist als die der Londoner "Times" und fast so hoch wie die von zwei überregionalen Blättern der Bundesrepublik zusammengenommen.

Dieses Blatt von perfekter Unabhängigkeit und hohem Anspruch hat jeden nur denkbaren Erfolg erreicht: politisch, moralisch und – ökonomisch. Es kann mit dem Respekt der politischen Profis in aller Welt, dem Interesse einer kritischen Leserelite in ganz Frankreich und enormer wirtschaftlichen Prosperität (zehn Millionen Mark Gewinn im letzten Jahr) rechnen. Wegen oder trotz seiner besonderen Struktur?

Über die besondere Verfassung dieser einzigartigen Zeitung kann niemand mit mehr Kompetenz und Engagement Auskunft geben als Frankreichs Chefideologe und Organisationsgenie für journalistische Mitbestimmung, Jean Schwoebel. Der diplomatische Korrespondent, der auf allen großen Konferenzen der Nachkriegszeit zu treffen war, stammt aus einer Verlegerfamilie. Das Familienblatt erschien in Rennes.

Daß Jean Schwoebel, der in Frankreich und England die Rechte und Literatur studiert hat, Opas Provinzzeitung nicht erben konnte, weil sie enteignet wurde, vermag er nicht zu bedauern, denn sonst hätte er nicht ein "Monde"-Mann der ersten Stunde werden können. Nun ist er aber mehr geworden. Er ist der aktivste Kämpfer und prominenteste Vertreter der französischen Journalistenvereinigungen, erst beim "Monde" und später im ganzen Land.

Daß die "Monde"-Formel exportierbar und reproduzierbar sei, bestreitet er – als einer ihrer Autoren – keineswegs. Daß sie aber nicht ohne weiteres kopierbar ist, ergibt sich bereits beim ersten Versuch zur Motivsuche. Wenn sich in Deutschland Redakteure regen, so kommen die Anstöße zumeist und zunächst aus dem ökonomisch-soziologischen Bereich: Sie wehren sich ihrer Haut, wenn sie wie auf dem Sklavenmarkt verkauft werden sollen, ohne gefragt worden zu sein. In Frankreich wurden die Widerstandsimpulse zunächst durch die Politik ausgelöst, die sich des Kapitals bediente, um ihre Ziele durchzusetzen.