München

Die 34jährige Münchnerin Elisabeth G., genannt "Lilo", Hausfrau und Mutter eines acht Jahre alten Sohnes, lebt seit Dienstag vergangener Woche in der Gewißheit, daß zwischen den Thesen des Volksaufklärers Oswalt Kolle und der rauhen Wirklichkeit bundesdeutscher Rechtsprechung ein kleiner Unterschied besteht. Frau Lilo hat sich eines Verbrechens der fortgesetzten Unzucht mit einem Kind schuldig gemacht. Ein Münchner Schöffengericht verurteilte sie zu sechs Monaten Gefängnis mit Bewährung. Die Tat: Frau Lilo gab – das Gericht hielt es für erwiesen – einem 13jährigen Buben mehrmals täglich Zungenküsse. Oder wie sie sagt: "öfters mal ein Busserl."

Die Angeklagte hatte ihr Opfer nicht etwa ins Gebüsch gelockt. Vielmehr ist der 13 Jahre alte "Karli" ein Nachbarsbub und der große Spielfreund des achtjährigen Sohnes der Frau Lilo. Ihr Familienleben erscheint nicht abnorm. Sie ist, so ergab die Verhandlung, seit zehn Jahren verheiratet und führt eine gute Ehe. Um der Sache etwas Pfiff zu geben, wurde die Angeklagte freilich in den Münchner Boulevardzeitungen als "grüne Witwe" dargeboten.

Durch die Freundschaft der beiden Jungen lernten sich auch deren Eltern näher kennen. Man pflegte Kontakt, besuchte und half sich gegenseitig. Als Karli im April 1968 konfirmiert wurde, war auch Frau Lilo eingeladen. Bei dieser Gelegenheit trank sie mit Karli Brüderschaft. So richtig mit Kuß. Forthin küßte sie ihn auch bei jeder Begrüßung ganz ungeniert. Die Mutter des Karli bekundete als Zeugin vor Gericht, daß sie sich nie etwas dabei gedacht habe.

Doch eines Tages passierte es. Frau Lilo war krank, lag im Bett, mit hochgeschlossenem Nachthemd und Bettjäckchen. Karli kam in ihr Schlafzimmer. Karli vor Gericht: "Da hat sie den Arm um mich gelegt und mir einen Zungenkuß gegeben." Du kannst es ja ganz gut, soll Lilo den Karli gelobt haben, und dieser bestätigte, daß er später noch des öfteren Nachhilfestunden auf diesem Gebiet bekommen habe.

In der Sprache des Staatsanwalts hörte sich das ganze schließlich so an: "Die Angeklagte hat demnach fortgesetzt an einem Kind in wollüstiger Absicht unzüchtige Handlungen vorgenommen." Und der Amtsgerichtsrat erklärte: "Zwar sind Zungenküsse nach Oswalt Kolle etwas Schönes", da es sich aber bei dem einen Partner um einen 13jährigen gehandelt habe, müsse von Unzucht gesprochen werden. Fall Lilo insgesamt betrachtet: "Den normal empfindenden Zeitgenossen befällt dabei doch ein Unbehagen."

Nicht weniger interessant als das Urteil selbst, ist die Aufdeckung dieses Sittenskandals. Denn weder hatte Karli unter Freunden geplaudert, noch seine Mutter Anzeige erstattet. Sie bestätigte dem Gericht vielmehr, daß sie nichts gegen die Angeklagte habe. Ein Polizist kam dem Küssen auf die Spur. Er erwischte Karli, wie dieser das Auto von Frau Lilo G. auf deren Grundstück wendete, witterte sofort Böses – warum wohl läßt die Wagenbesitzerin den Jüngling ans Steuer? – und brachte ihn zum Verhör. Dabei kamen die Küsse ans Licht der Öffentlichkeit.

So sehr man sich auch bemühte, andere zufällige Berührungen als unsittliche Handlungen zu deuten – Karli erlitt, wie der Richter schließlich bestätigte, "keinen nachhaltigen Schaden". Deshalb erschien dem Gericht die Mindeststrafe auch als ausreichend. K. G.