Von Sabine Brandt

Vor wenigen Jahren noch wurde der Name des Schriftstellers Günter Kunert fast automatisch mit dem Kennwort "Lyriker" versehen. Kunert, 1929 geboren, hatte seinen ersten Gedichtband 1950 veröffentlicht, seinen vorläufig letzten 1966. Die Verse aus anderthalb Jahrzehnten reflektieren das Generationserlebnis der deutschen Nachkriegsjugend Ost: den angestrengten Optimismus der ersten DDR-Jahre, der den düsteren stalinistischen Hintergrund ignorierte; den Schock der Entstalinisierung 1956; die Abwendung von kollektiven Meinungs- und Verhaltensschemata, seien sie nun von der alten bürgerlichen Klasse oder von der neuen Klasse der SED geprägt; die schmerzliche Erfahrung, daß das Recht des Individuums, selbständig zu denken, zu urteilen, zu handeln, nicht ohne seinen Preis, die Freiheit nicht ohne ihr Korrelat zu haben ist: Einsamkeit.

In Westdeutschland ist aus diesem Prozeß des Erwachsenwerdens nur das Reifestadium präsentiert worden, die Gedichtbände "Erinnerung an einen Planeten" (1963) und "Verkündigung des Wetters" (1966). Sie erschienen, als Kunert sich eben anschickte, auch Prosa zu schreiben. Schon 1964, zwischen den beiden Gedichtbänden, gab es ein Prosabüchlein "Tagträume", gefüllt mit Parabeln. 1967 folgte Kunerts erster Roman "Im Namen-der Hüte", 1968 der Erzählungsband "Die Beerdigung findet in aller Stille statt". Diese westdeutschen Editionen werden jetzt von einer Ostberliner Prosaausgabe komplettiert –

Günter Kunert: "kramen in fächern", Geschichten, Parabeln, Merkmale; Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar; 193 S., 6,60 DM.

Der Wandel vom Lyriker zum Prosaisten signalisiert zweierlei: zum ersten, daß die Schriftsteller der DDR sich trotz wiederkehrender kulturpolitischer Frosteinbrüche einen größeren Spielraum erobert haben. Als sie sich Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre aus dem Kanon der Ostblockliteratur zu lösen und auf die spezifische DDR-Situation zu reagieren begannen, verlief die Grenze der Wahrhaftigkeit nicht nur zwischen einzelnen Autoren, sondern zwischen kompletten Genres. Lyrische Kürzel sind von der Zensur schwerer zu erfassen als die ausführlicheren Äußerungen der Prosa; deshalb blieb die Lyrik lange Zeit das bevorzugte Medium für unorthodoxe Gedanken.

Zum anderen belegt die Hinwendung Kunerts zur Prosa ein neues Selbstverständnis. Aus dem kritischen DDR-Bürger ist ein Weltbürger geworden, der die Ereignisse seiner Zeit und seines Milieus als Paradigmata begreift und beschreibt. Das unmittelbar politische Moment ist aus der Darstellung zurückgetreten und hat der Auseinandersetzung mit den Begierden, Bestrebungen, Sehnsüchten Platz gemacht, die, als Ideologien verkleidet, die Menschen und ihre Geschichte treiben.

Das Gesichtsfeld ist also größer, die Ausdrucksmöglichkeiten sind mannigfaltiger geworden. Um so verblüffender ist es, daß gerade Kunerts Prosa den Eindruck der Einengung und Gängelei hervorruft, ein Gefühl, das seine Gedichte nie vermittelt haben.