Im Nahen Osten stehen die Zeichen auf Sturm. Kurz nachdem UN-Generalsekretär U Thant vorige Woche die Öffentlichkeit mit der Erklärung alarmiert hatte, am Suezkanal herrsche praktisch Kriegszustand

  • warnten die USA und Großbritannien Araber und Israelis vor einer mutwilligen Verschärfung der Situation,
  • bestritten die Ägypter, daß es am Suezkanal noch eine intakte Waffenstillstandslinie gebe, weil die Israelis noch nach der Aufforderung der Vereinten Nationen vom 7. Juni 1967, das Feuer einzustellen, weiter bis zum Ostufer des Kanals vorgerückt seien,
  • häuften sich am Suezkanal Feuergefechte und Vorstöße ägyptischer Kommando-Einheiten auf israelisch besetztes Gebiet, kam es am Jordan, auf den Golan-Höhen und im Gaza-Streifen zu immer neuen Zwischenfällen und Schießereien,
  • stürzte im Libanon die Regierung Karamé über den Vorwurf, sie habe die arabischen Guerilla-Organisationen nicht genügend unterstützt und sei gegen arabische Anti-Israel-Demonstranten zu scharf vorgegangen.

Obwohl sich die vier Großmächte in New York weiter um eine Beilegung des Nahost-Konflikts bemühen, schwindet die Hoffnung auf Ausgleich und Frieden. Der kompromißbereite König Hussein von Jordanien muß es spätestens seit November vorigen Jahres hinnehmen, daß die fünf mächtigsten Guerilla-Organisationen einen Staat in seinem Staate bilden. Selbst der ägyptische Staatspräsident Nasser geriet in letzter Zeit unter wachsenden Druck des "El-Fatah"-Hauptquartiers in Kairo. Die jüngsten Vorgänge im Libanon haben gezeigt: Die palästinensischen Befreiungsorganisationen sind die heimlichen Herrscher Arabiens und damit auch die Herren über Frieden und Krieg.

Eine nicht viel geringere Rolle spielen offenbar die militanten Baathisten aus Syrien. Der Libanon hat am Sonntagabend eine Sitzung des Rats der Arabischen Liga beantragt, auf der die "Einmischung von außerhalb" in die innenpolitische Krise erörtert werden soll. Bei den blutigen Unruhen am vorigen Mittwoch in Beirut und anderen libanesischen Städten waren auch elf syrische Staatsangehörige festgenommen worden.

Der Rücktritt von Premierminister Karamé löste die zweite Regierungskrise aus, die der Libanon in diesem Jahr erlebt. Die erste hatte der israelische Vergeltungsschlag gegen den Flughafen von Beirut zum Jahreswechsel verursacht, woraufhin Ministerpräsident Yafi demissionierte. Bei den Konsultationen über eine Regierungsneubildung soll jetzt Einvernehmen darüber erzielt worden sein, daß der Libanon – im Nahost-Krieg von 1967 noch neutral – die Guerillas "im Rahmen der eigenen Souveränität und Sicherheit" gegen Israel unterstützen werde.