Ich schlage den "Großen Ploetz" auf (27. Auflage, 1968) und lese auf Seite 1278 unter der Jahreszahl 1919: "März/April: Wiederholt Unruhen, besonders im Ruhrgebiet und in Bayern. Dort im April Räterepublik." Das ist alles. Zwar werden die militärischen Operationen beider Weltkriege auf fast 90 Seiten dargestellt, aber kein Wort erfährt der Leser von Kurt Eisner (der immerhin als erster in Deutschland eine Monarchie gestürzt hat und als bayerischer Ministerpräsident ermordet wurde), nichts von dem Triumvirat, das die erste Räterepublik auf deutschem Boden anführte: Gustav Landauer ("einer der bedeutendsten geistigen Persönlichkeiten, denen ich in meinem Leben begegnet bin" – so Ernst Niekisch), Erich Mühsam (dem witzigen, geistreichen Schriftsteller und Anarchisten) und Ernst Toller (dem expressionistischen Dichter, der mit 26 Jahren an der Spitze des Zentralrats stand); erst recht nichts von dem Sozialdemokraten Ernst Niekisch, dem ersten Vorsitzenden des Zentralrats, oder von Eugen Leviné, dem deutschen Kommunisten russischer Herkunft, der in die Bresche sprang, als die Literaten mit dem Regieren nicht zurechtkamen und Noskes haßerfüllte Armee vor den Toren Münchens stand, angeführt von Männern wie General Ritter von Epp, dem späteren Nazi-Reichsstatthalter in Bayern, und Ernst Röhm, dem späteren SA-Chef und Duzfreund Hitlers.

Doch fünfzig Jahre des Schweigens sind genug. Noch haben Revolution und Räterepublik nicht ihren Geschichtsschreiber gefunden, aber jüngere Historiker und Schriftsteller sind dabei, auch dieses Stück unbewältigter deutscher Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Sonderlob gebührt dem Münchner Ordinarius Karl Bosl, der mit dreißig Doktoranden Vorgeschichte, Ursachen und Folgen der bayerischen Revolution von 1918/19 erforscht hat, deren sich als erster vor einigen Jahren bezeichnenderweise ein Amerikaner – Allen Mitchell – angenommen hatte. Die Frucht dieser Gemeinschaftsarbeit liegt nun vor:

Karl Bosl (Hrsg.): "Bayern im Umbruch. Die Revolution von 1918, ihre Voraussetzungen, ihr Verlauf und ihre Folgen"; R. Oldenburg Verlag, München 1969; 603 S., 58,– DM.

Wir werden darauf (und auf einige Publikationen von Schülern Basis) hoch in einer ausführlichen Rezension zurückkommen. Der junge Historiker Karl-Ludwig Ay, aus derselben Schule, hat eine bemerkenswert objektive Kurzdarstellung der Münchner Ereignisse geliefert; sie ist vorangestellt dem hervorragend ausgestatteten, überaus preiswerten Bild- und Faksimileband

"Appelle einer Revolution. Dokumente zum Jahr 1918/1919"; Vorwort von Carl Amery, Einführung von Karl-Ludwig Ay; Süddeutscher Verlag, München 1968; 38 S., 100 Reproduktionen; 19,80 DM

mit rund hundert farbigen Flugblättern, Plakaten und Handzetteln aus der Monacensia-Sammlung der Stadtbibliothek München.

Schrittmacher der Räterepublik-Renaissance war der Schriftsteller und Dramatiker Tankred Dorst; ergänzend zu seinem erfolgreichen Schauspiel "Toller" und dem interessanten Fernsehfilm "Rotmord" hat er, zusammen mit dem Heidelberger Historiker Neubauer, zeitgenössische Dokumente zur Räterepublik herausgebracht: