Von Heinz Josef Herbort

Der Komponist entrollt vier Bahnen bemalten weißen Papiers von je drei Meter Länge und läßt sie an einer Projektionswand befestigen, Dann verteilt er unter seinen Zuhörern Kinder-Spielzeug – metallene Knackfrösche, kleine Mundturbinen, mehrere Arten von Flöten, solche, in denen durch einen Gummikolben die Tonhöhe verändert werden kann, solche, bei denen der Ton durch den Schnabel eines aufgesetzten Kanarienvogels zum Triller zerhackt wird, solche schließlich, die kreischen. wie ein junger Hahn; weiter dann noch Stielkämme und Babyrasseln, in denen ein Glockenspielchen zart klingelt. Während der Komponist noch austeilt, dürfen die ersten bereits "üben".

Was zu spielen ist, muß man von den Papierbahnen ablesen. Senkrechte schwarze Striche in stets gleicher Länge gibt es dort, in verschiedenen Abständen voneinander; dann Anhäufungen kleiner Punkte zu verschieden gearteten Figuren; weiter unten Kurven, Wellenlinien und Schleifen in Rot und Grün, die an einem Punkt beginnen, aber dann verschieden verlaufen, sich kreuzen und wieder überlagern, ein Bündel von Linien sozusagen. Und dazwischen immer wieder weiße Leere.

Was die Zeichen zu bedeuten haben, erfahren die Zuhörer vom Komponisten. Er definiert und führt ihnen mit Hilfe von Tonbandaufnahmen Beispiele vor.

"Atemmusik 3" steht als Titel über der Graphik auf den Papierbahnen. Ihr Komponist ist der achtunddreißigjährige Dieter Schönbach. Nach seinen Worten enthält die "Atemmusik" "in gewissen zeitlichen Abständen immer wieder Bewegungs-Stollen, die von Stille durchbrochen werden".

Um die Partitur, eben die Graphik auf den Papierbahnen, in Musik umsetzen zu können, müssen die "Interpreten", also hier die Zuhörer, proben. Die Besitzer der Knackfrösche, von Schönbach in eine "linke und eine rechte Knackpartei" eingeteilt, lernen einmal, "Felder von Knackimpulsen" aufzubauen, also in willkürlichen unregelmäßigen Einsätzen ihren Frosch zu betätigen, diese Betätigung zu steigern bis hin zu einer "rasenden Knackerei" oder zurückzunehmen: "spontan einsetzendes Tutti und langsam zertröpfelndes Verknacken".

Auch die anderen "Instrumentalisten" erhalten bei dieser "Art offenen Singens", wie Schönbach es nennt, ihre Instruktionen. Sie müssen auf "offenem" und "gedämpftem" Kamm zirpen. Auf den "Lotosflöten" und den "Kanarienvögeln" erzeugen sie aleatorische Glissandi, indem sie "langsam den Stab einschieben". Die Türbinenbläser lernen, "möglichst divergierende Klangkurven" zu produzieren. Weiter hinten Sitzende müssen "die Hähne blasen, bis ihnen die Luft ausgeht", während vorn die Glockenspielrasseln, die "Almglöckchen", nur etwas sind für "Leute mit sensiblem Handgelenk".