Nach de Gaulle: die Ungewisse Zukunft der französischen Machtzentrale

Von Alfred Grosser

Nach dem Ereignis ist es immer leicht zu erklären, warum es voraussehbar war: 61,7 Prozent Ja-Stimmen beim Referendum vom Oktober 1962. Nur noch 54,5 Prozent bei der Stichwahl vom Dezember 1965 (nach 43,7 Prozent in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl). Beim Wahltriumph vom 30. Juni 1968 waren im ersten Wahlgang die Stimmen für die gaullistischen Kandidaten von 37,7 Prozent im Vorjahr auf 43,6 Prozent emporgeschnellt.

Diesmal ist Giscard d’Estaing abgefallen. Diesmal haben die Führer der Mitte, haben viele Bürgermeister und Lokalmächte mit Nachdruck das "Nein" empfohlen. Diesmal gab es die deutlich artikulierte Unzufriedenheit der kleinen Geschäftsleute, konnte sich die Abneigung gegen den General unbesorgt kundtun, denn nun würde seine Niederlage nicht ohne weiteres den Sieg des von den Kommunisten unterstützten Kandidaten mit sich bringen und sein Abgang nicht mehr die tragische Bedeutung haben, die er in der Mai-Krise gehabt hätte.

In den letzten zwei Wochen hatte die Zahl der Zögernden erst langsam, dann sehr schnell abgenommen, so daß der Prozentsatz der Stimmenthaltung schließlich außergewöhnlich niedrig wurde. Und das Erstaunlichste war, daß die Dramatisierung – also die Verknüpfung des Referendums mit der Person des Generals – zum erstenmal das "Nein" verstärkte und nicht das "Ja". Der Zauber wirkte nicht mehr, eben weil die angedrohte Krise eine künstliche war, Während bei der "Barrikaden-Woche" in Algier 1960, beim Putsch der Generäle 1961, bei der beinahe völligen Anarchie 1968 das energische, zur rechten Zeit gesprochene Wort zugleich mobilisiert und beruhigt hatte.

Und dann gab es jetzt ja auch den freundlichen, beruhigenden Präsidenten des Senats, Alain Poher, der das Schlagwort "Es gibt nur die Kommunisten und de Gaulle" entschärfte. Es gab Georges Pompidou, der das "Ja" zwar unterstützte, aber dies als eigenständige Macht tat, als Verbündeter und potentieller Nachfolger.

Vielleicht ist Pompidou überhaupt schuld daran gewesen, daß de Gaulle dieses Referendum wollte. Vielleicht fühlte er sich verpflichtet zu beweisen, daß der Wahlsieg des Vorjahres der des Präsidenten und nicht der des Premierministers gewesen ist. Gerade dieser Beweis aber ist ausgeblieben, schlimmer noch: er ist zum Gegenbeweis geworden. Möglich auch, daß de Gaulle sich endlich am Senat rächen wollte, der seit Beginn der Fünften Republik Opposition getrieben hat.