Schreckens- oder Wundermann? – Seite 1

Hans Neuenfels, der junge Heidelberger Regisseur und, von der nächsten Spielzeit an, Oberspielleiter bei Schall in Bochum, hat und macht Schwierigkeiten.

Zunächst bei der Heidelberger Inszenierung des Jugendstücks "Zicke-Zacke". Als in der Premiere fromme Kirchenlieder mit fußballverhimmelnden Texten ertönten, als über dem Kopf eines englischen Jugendrichters ein mit Wasser gefülltes Präservativ zerplatzte, platzte einem Teil des Publikums der Kragen.

Die meisten Kritiken waren in hemmungslosen Jubeltönen abgehalten, der Bürgermeister von Heidelberg stellte sich vor die "Freiheit der Kunst" – das wiederum nahmen andere übel. Botho Strauß in "Theater heute" höhnte: "Jeder Regisseur ist für die Kritiker verantwortlich, die ihn feiern." Und er bescheinigte der Theaterarbeit von Neuenfels, daß sie nur Emotionen inszeniere – diesseits und jenseits der Rampe – und daher, um den "Theater-heute"-Gedanken zu Ende zu spinnen: "faschistisch" sei.

Ähnlich sieht Michael Buselmeier in seinem hier veröffentlichten Angriff auf die "Zicke-Zacke"-Inszenierung die Pop-Arbeit von Neuenfels.

In der Tat ist es nicht so leicht, aus dem theoretischen Dilemma zu klettern, in das einen die bisherigen Neuenfels-Inszenierungen brachten. Sie wirkten in ihrer aufpulvernden Massen-Choreographie wie gewaltige Dressurakte, denen Schauspieler und Publikum gleichermaßen unterworfen waren. Aber: es handelte sich um Stücke, bei denen man es "so" machen konnte.

So durfte man gespannt sein, was der Schreckens- und Wundermann Neuenfels in Stuttgart mit Albees "Alles im Garten" anstellen würde – einem Stück, das seiner Form nach auf Psychologie, auf Realismus, auf logische Einheiten angewiesen zu sein scheint.

Aber die Probe aufs Exempel fand nicht statt. Der S. Fischer-Verlag, vertreten durch Frau Stefanie Hunziger und in Sachen Albee ohnehin von übertriebener Penibilität, sperrte die Aufführung kurz vor der Premiere. In den wild schwirrenden Gerüchten über das, was Neuenfels vorhatte, ist von einem Klo die Rede, das, auf der Bühne stehend, auch der Benutzung zugeführt werden sollte. Da ließ der Verlag eilig spülen – und die Württembergischen Staatstheater zogen sich auf die ihnen in einem juristischen Gutachten bescheinigte Ohnmacht zurück.

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Schnell wurde in den Gazetten eifrig für die Freiheit der Kunst, für die Freiheit des Regisseurs plädiert. Richtig: wo kämen wir hin, wenn Theaterverlage von der von Fischer praktizierten Möglichkeit eifrig Gebrauch machten? Broadway-Aufführungen wären die konsequente Folge, Stücke, die nach Muster-Inszenierungen sklavisch nachvollstreckt werden müßten.

Zum anderen müßte bei dem eifrigen Rufen nach "künstlerischer Freiheit" auch der damit stillschweigend geübte Regiekult hellhörig machen. Wenn die Aufführung dem Stuttgarter Theater, wie manche behaupten, nicht ungelegen starb – soll dann nur die Regie die totale Auffassungsfreiheit genießen?

Mit den nächsten Aufführungen wird Neuenfels zu zeigen haben, ob er ein gesellschaftliches Ärgernis ist oder nur ein Reizauslöser, der dem Theater die Aufregungen zuführt, die es braucht, um Leben vorzutäuschen.

Die Stuttgarter Absetzung ist betrüblich – auch die "Staatstheaterleitung macht keine glückliche Figur dabei. Aber der Künstlerkult, der danach um einen Regisseur auszubrechen droht, ist auch kein gutes Zeichen.

Hellmuth Karasek