Von H.-J. Schulke

Leicht beunruhigt nahm man vor einigen Jahren den Rapport über das körperliche Befinden der künftigen Vaterlandsverteidiger zur Kenntnis: Der größte Teil der Rekruten war nicht in der Lage, sich auch nur einmal an der Reckstange hochzuziehen, beim Dauerlauf feierten viele schon nach ein oder zwei Runden das Ernte-23-Dankfest, und andere kommen nicht einmal dazu, weil ihnen schwere Haltungs- oder Organschäden bereits in jungen Jahren zum Prädikat "Frührentner" verhelfen. Oder sie hatten den richtigen Arzt. Die Anamnese war klar: Der Schulsport fristete sein Mauerblümchendasein, er wurde nicht gefördert und ist zu schwerfällig, um sich aus sich selbst heraus zu erneuern.

So konnte das Leistungsniveau der Rekruten auch nicht besser sein, zumal viele in den letzten Jahren im Berufsleben gestanden hatten, so daß von Sportunterricht sowieso keine Rede war. Mit einem wohlwollenden Schulterklopfen überließ man es der Bundeswehr, die versäumten Lektionen nachzuholen. Die Bundeswehr versicherte ihre Bereitschaft, den Sport zu fördern, und beim Deutschen Sportbund (DSB) war man damit sehr zufrieden, zumal die Bundeswehr die sportliche Ausübung vorrangig vor dem militärischen Effekt sah.

Die Anamnese hat sich bis heute nicht verändert. Der Schulsport ist nicht besser geworden – statt dessen kann man jetzt prophylaktisch. Russisch als zweite Fremdsprache lernen. Hat die Bundeswehr aber die Aufgaben der Schule erfüllen können? Zweifellos nicht, und sie hätte es auch allein nie gekonnt.

Der Sportunterricht in derBundeswehr ist nicht besser als der in der Schule, nur häufiger. Dabei scheint der DSB mit der Förderung des Sports durch die Bundeswehr durchaus zufrieden. Die Spitzensportler werden in ausreichendem Maße gefördert und vom Dienst freigestellt, und die Zahl der Bundesbürger, die alljährlich ihr Sportabzeichen erwerben, wird durch Bundeswehrangehörige beträchtlich erhöht. Im übrigen ist man offensichtlich davon überzeugt, daß der Sport in der ihm gemäßen Weise betrieben wird: freudvoll und um seiner selbst willen. Diese Eigenständigkeit wurde dem Sport auch von höchster militärischer Seite zugestanden und entsprechend in den Vorschriften verankert. Der Sport sollte auch im Rahmen der Bundeswehr seinen zivilen Charakter bewahren und damit seinen Beitrag zur "Inneren Führung" und zum "Staatsbürger in Uniform" leisten.

Willi Daume mochte seine Genugtuung über diese Entwicklung nicht zurückhalten. Voller Stolz zitiert ihn die "Wehrausbildung in Wort und Bild": "Ich habe mich sehr weitgehend davon überzeugt, daß der Sport bei unserer Bundeswehr nicht nur in modernen Betriebsformen, sondern auch im Geiste der Freiheit und Freiwilligkeit betrieben wird." In schöner Unbefangenheit und sicherlich ganz ohne "Häme" hat man gleich auf die nächste Seite ein eindrucksvolles Photo als Beweis für die modernen Betriebsformen im BundesWehrsport placiert: Eine ganze Kompanie fein säuberlich in Reih’ und Glied beim fröhlichen "Auf" und "Nieder" des Liegestützes. Die jungen Sportsfreunde strahlen dabei nur so im Geiste der Freiheit und Freiwilligkeit.

Und so kommt es dann zu endlosen gymnastischen Übungen vornehmlich für Finger und Handgelenke im Formalausbildungsstil, und der Spieß übt mit. Gelaufen wird auch mal, aber dann im Kreis mit dem Durchmesser einer Zirkusmanege. Bei Dauerläufen, wenn sie überhaupt durchgeführt werden, wird der Wald tunlichst vermieden. Und schließlich kommt es dann zu so grotesken Aufforderungen wie "im Gleichschritt – lauft!" Es fehlt den Ausbildern am Stoff für die Stunden, es fehlt ihnen aber auch das Wissen und die Erfahrung um die Dosierung von Belastung der Erholung im Verlauf der Stunde ebenso wie im Ablauf des Quartals. Auf die Frage, warum sie das so machten, können die meisten Ausbilder nur hilflos die Schultern zucken und antworten, sie hätten das nie anders gelernt. Wie sollten sie auch. Als einzige Möglichkeit bleibt dann schließlich nur noch ein Ballspiel, das keiner methodischen Vorbereitung bedarf. Dabei werden die Leistungsschwächeren nicht mehr gebraucht, sie stählen ihren Körper derweil beim Sonnenbaden.