Von Hansjakob Stehle

Wer ein Drittel seines Lebens als politischer Gefangener verbrachte, fast ein Jahrzehnt eingekerkert durch einstige Freunde, braucht ein kühles Temperament oder ein Übermaß an Selbstüberwindung, um Ressentiments hinter sich zu lassen. Der 58jährige Milovan Djilas, bis zum Todesjahr Stalins Chefideologe Titos und zuletzt sogar Vizepräsident, ist ein heißblütiger, aber auch grüblerischer Montenegriner; heute noch empfindet er seine Demütigung im Januar 1954 als "unerträgliche Schande", Damals verlor er alle Posten, man zwang ihn zum Widerruf seiner Titoismus-Ketzereien, weil Tito hoffte, sich mit den Nachfolgern Stalins versöhnen zu können. Djilas bezeugt, daß dennoch "Zorn und Haß mein Denken nicht lange zu verdunkeln vermochten". 1956 schrieb er im Gefängnis sein Buch "Die neue Klasse", die Analyse eines bürokratisch entarteten Kommunismus. Aber er spürte, daß er sich und seinen Lesern die Antwort auf die Frage schuldig geblieben war, welches Gesellschaftsmodell einen Ausweg aus dem Dilemma der Kommunisten bieten könnte.

Jetzt, mehr als zwei Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis; hat sich Djilas von den letzten Dogmen befreit. Er verkündet – wie immer unbekümmert um alle Opportunität – das Ergebnis seiner "geduldigen und einsamen Überlegung" schon im Buchtitel: "Die unvollkommene Gesellschaft." Das Buch, das eben in New York und im Wiener Molden-Verlag (256 S., 16,80 DM) erscheint, markiert Djilas’ endgültigen Bruch mit jeder Form von Kommunismus, ja Marxismus, aber auch den Durchbruch zu einer mehr philosophischen denn politischen Betrachtungsweise, die sogar seinen Stil verwandelt. Aus dem Agitator, der in Gefahr, war – auch ungewollt –, antikommunistische Klischees zu bestätigen, ist nur erst der historisch-politische Denker geworden. Ein Freigeist im besten Sinne des Wortes, den keine Idole, nicht einmal die eigenen, oft romantischen Visionen, zu denen er neigt, blenden können.

Noch in der "Neuen Klasse" schrieb Djilas, es sei "überflüssig, den Kommunismus als Idee zu kritisieren". Als ich im März 1967, kurz nach seiner Haftentlassung, mit ihm in Belgrad sprach, meinte er, "mehr denn je vom Sozialismus überzeugt" zu sein, und bekannte sich zu einem "offenen Marxismus". Auch jetzt will Djilas nicht als antikommunistischer Kreuzfahrer mißverstanden werden – schon weil er überzeugt ist, daß "der kommunistische Sieg in bestimmten Ländern unausweichlich" sei. Aber er hat erkannt, daß der Kommunismus in Europa ebenso wie sein Widerpart, der Kapitalismus, überhaupt nicht mehr existiert. Warum? "Die menschliche Natur erwies sich auch im Kommunismus – wie immer und überall im Lauf der menschlichen Geschichte – als ungeeignet und unfügsam für ideale Modelle ..."

Djilas kommt nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit den Theorien von Marx und Lenin zu dem Schluß, daß diese Ideen "nicht in die Wirklichkeit umsetzbar" sind, daß von ihnen nur das zu retten ist, "was undogmatisch und damit auch am dauerhaftesten ist: die kritische Haltung gegenüber der Gesellschaft, ihren Realitäten und auch ihren Mythen". An eine Erneuerung des Kommunismus im Sinne der jugoslawischen oder der jüngsten tschechoslowakischen Reformversuche glaubt Djilas schon deshalb nicht mehr, weil "jede Form der Freiheit innerhalb des Kommunismus unweigerlich auch das Ende der Herrschaft des Marxismus als Ideologie bedeutet".

Stalin, der "die unverfälschten Ansichten seiner Vorgänger Engels und Lenin" dargelegt habe, war für Djilas der letzte bedeutende Marxist, der den dogmatisch-despotischen Grundzug der Lehre in ein Herrschafts- und Wirtschaftssystem einbrachte. "Alle anderen Wesenszüge des Marxismus – die humanistischen, demokratischen, unideologischen – überlebten einzig und allein in den Köpfen kommunistischer Häretiker." Gegen den Vorwurf, er werfe Kommunismus und Stalinismus in einen Topf, wehrt sich Djilas mit dem Hinweis, daß die Krise des Stalinismus nichts anderes als die Krise des Kommunismus überhaupt signalisierte. Djilas leugnet nicht, daß Marx eine Wahrheit entdeckte – die ökonomische Abhängigkeit des Menschen –, eine Erkenntnis, die so neu gar nicht war: "In diesem Sinne waren die Menschen schon immer Marxisten, ebenso wie sie auch schon vor Aristoteles logisch dachten." Das Verhängnis besteht darin, daß die Kommunisten daraus die einzige Wahrheit über den Menschen machten.

"Welche materiellen Bedingungen und Gründe haben schließlich gerade mich veranlaßt, mit von den bequemen Höhen der Macht in die Abgründe einsamer Entfremdung und Erniedrigung der Haft zu stürzen? Warum sollte ich mir den Kopf an den Härten der totalitären Herrschaft einrennen, nur um in meinem Alter den Boden von Gefängniszellen zu scheuern und Nachtgeschirre zu reinigen?" Dies ist eine der wenigen Stellen des neuen Buches, wo Djilas zu erkennen gibt, in welchem Maße sein Zweifel an allem politischen Perfektionismus und Fortschrittsoptimismus durchlitten ist. Es gibt für ihn keine absolut gute oder auch absolut böse Gesellschaftsform.