Trotz ihrer sozialen Korruption hat die englische und amerikanische Pop Art, zumindest anfangs, positive Randerscheinungen mit sich gebracht: Vielen hat sie die vermittelte und entfremdete Umwelt erst bewußt gemacht, ihnen geholfen, die Anbiederung der Kulturindustrie zu durchschauen. Die schnell sich vermehrenden Epigonen konnten das nicht mehr leisten und beschränkten sich auf Reproduktion des einmal Gemachten.

Eine deutsche Variante der Pop Art hat sich zynisch, aber zutreffend zum "kapitalistischen Realismus" bekannt. Dessen Elemente, die weithin identisch sind mit denen der Bewußtseinsindustrie, werden nun auch vom konservativen Medium Theater adaptiert, das sie verwendet, ohne genau über ihre soziale Funktion nachzudenken. Das Theater versucht dabei lediglich zu beweisen, daß es in der Lage ist, mit der bildenden Kunst gleichzuziehen, daß es jugendlich und von morgen sein kann, daß es fähig ist, den Duft der großen weiten Welt zu vermitteln, der nichts als der Mief von gestern ist.

Die der Reklame angeglichene Konsumkunst wird, sofern sie im verstaubten Apparat des Theaters sich darstellt, für besonders revolutionär gehalten, obgleich sie ideologisch reaktionär geblieben und ästhetisch epigonal geworden ist. Sie zeigt bloß das, was Hortens Schaufenster und diverse Kunsthallen schon lange zeigen. Der Konsumterror und der Terror der ästhetischen Mittel bedingen einander.

Während PopKünstler wie Warhol und Theoretiker wie Bazon Brock ("Mir paßt das Leben") dem bestehenden System bewußt zustimmen, stimmt ihm das neue Pop Theater naiv zu "Welches sind die Mittel, Vergnügen zu erzielen?" fragt sich der Heidelberger Regisseur Hans Neuenfels bei der Konzeption einer Inszenierung, um dem Publikum "der Fairneß halber" geben zu können, "wofür es bezahlt hat". Das heißt: Einem Publikum, das sich aus Konsumenten rekrutiert, muß man Konsunitheater vorsetzen. Denn die einmal Manipulierten müssen weiter manipuliert werden. Das ist nur konsequent.

Es wird hier deswegen genau auf Neuenfels eingegangen, weil sein Theater, weit mehr als das Zadeks oder Kai Braaks, als Pop Theater einen Aspekt der internationalen Pop Bewegung repräsentiert. Dieses Theater hat das bürgerliche Bildungsbewußtsein, das auf die schöne Seele orientiert ist, abgebaut. Nicht die vergleichsweise biederen Spielwarte, für welche die Bühne "geistiger Raum" ist, nicht diejenigen, die von der "Aura" des Kunstwerks ausgehend dessen Sensibdisierung zelebrieren, fordern heute die Kritik der neuen Linken heraus, sondern gerade die Regisseure, die, indem sie eine industnegesellschaftliche Kunstideologie zumindest ansatzweise vertreten, dem fortgeschrittenen Kapitalismus dienstbar sind: die Inszenatoren des perfekten ästhetischen Genusses. Sie, die sich für progressiv halten (weil sie etwa Happenings veranstaltet haben, als es noch keine Studentenbewegung gab) und schon die Hand ausgestreckt haben, um sie gönnerhaft auf die Schulter des Linken zu legen, reagieren gereizt, wenn er plötzlich in ihr Theater eindringt, ihre Selbstdarstellung stört, Kritik am Kulturgeschäft formuliert, und sie behaupten, sie verstünden das nicht.

Neuenfels zählt zu den jungen Regisseuren, die im Theaterbetrieb schnell arriviert sind. Um "frei" inszenieren zu dürfen, ist er bereit, jeden Kompromiß mit dem unfreien System einzugehen, dessen Normen er verinnerlicht hat: "Wer etwas leistet, hat auch eine Funktion. Ich maße mir Leistung an und bin aus diesem Grunde Establishment Neuenfels Identifikation mit dem autoritären Staat äußert sich jedoch nicht nur als unreflektierte Zustimmung zum Leistungsprinzip, sondern grundsätzlich als gesellschaftliche Bewußtlosigkeit: "Auf die Frage: Haben Sie ein politisches, gesellschaftliches Bewußtsein, würde ich kategorisch sagen: Nein!" (Neuenfels im "Monat", 21969).

Dieser formalistischen Auffassung zufolge hat das Theater nichts mit der gesellschaftlichen "Wirklichkeit zu tun. Folglich können nur "theaterszenische Probleme" relevant sein Das Theater muß sich, fordert Neuenfels, endlich "auf seine eigentlichen Mittel besinnen". Die standige Innovation dieser Mittel, die das kapitalistische System denjenigen abzwingt, die es m Gang halten, wird von Neuenfels allem als Ausdruck der "verwandelnden" Leistungsfähigkeit des regiefuhrenden Individuums mißverstanden und akzeptiert.