Von Dietrich Strothmann

Sie leben von Träumen und von Tretminen – die arabischen Freischärler, von den einen "Freiheitskämpfer", von den anderen "Terroristen" genannt. Und zu ihren Gegnern zählen längst nicht mehr nur die Israelis; auch arabische Regierungen fürchten sie, auch die Sowjets zeihen sie eines unrealistischen Extremismus; nicht einmal untereinander sind sie sich einig. Auch wenn sie sich gelegentlich rühmen, so etwas wie der Vietcong, Castros Kubaner oder Ben Bellas Algerier im Nahen Osten zu sein – die Fedajin halten keinen Vergleich mit diesen Befreiungskadern aus.

Das Ziel ist den Arabern, die im Dunkeln kämpfen, noch gemeinsam: Die Zerstörung des Staates Israel. Doch darüber, wie es erreicht werden soll und wer dazu ausersehen ist, das Werk zu vollenden, gehen die Meinungen auseinander. Zwei Jahre nach dem Junikrieg stehen die Fedajin noch immer am Anfang ihres "langen Marsches", schlagen sie ihre "Schlachten" vornehmlich in der Propaganda, töten Israelis zu Hunderten vor allem in Radiomeldungen. Für einige arabische Staaten sind sie überdies eine Bürde, für andere zum Spielball geworden. Die Ereignisse der letzten Tage haben dies von neuem bestätigt.

Im Libanon stürzte, nach nur dreimonatiger Amtszeit, die Regierung Karame. Zuvor war Militär gegen die von Freischärler-Organisationen aufgeputschten palästinensischen Flüchtlinge eingesetzt und der Ausnahmezustand über das Land verhängt worden. Wieder ging es um den alten Streitpunkt: Soll der Libanon von den Guerillas in den Kleinkrieg gegen Israel hineingezogen werden? Beirut fürchtet sich vor dieser Gefahr; vor allem die libanesischen Christen wollen an dem Status der "feindlichen Neutralität" gegenüber dem jüdischen Nachbarn festhalten; Darum verhinderte die Armee bislang größere Terroraktionen von ihrem Gebiet aus. Ungewiß ist, wie lange sie dem Druck der 160 000 Palästinenser, der "Befreiungsorganisationen", der aufbegehrenden Studenten und der zur Aktion drängenden Moslem-Bevölkerung zu widerstehen vermag.

Auch Jordaniens König Hussein, der Hauptleidtragende des verlorenen Krieges, hat jetzt wieder zu spüren bekommen, wie wenig er Herr im eigenen Hause ist. Kaum hatte er in New York seinen Friedensplan vorgetragen, stellten ihn die Terror-Anführer als "Zionistenknecht" an den Pranger. Die fünf größten palästinensischen Organisationen lehnten sein Konzept "Punkt für Punkt" ab. Und wieder wird ihm keine andere Wahl bleiben, als sich dem Mandat der Freischärler zu fügen. Allein in Jordanien stehen über 650 000 Flüchtlinge auf ihrer Seite. Auf eine Machtprobe wie im November des letzten Jahres wird er es nicht noch ein zweites Mal ankommen lassen. Damals mußte er in Amman Soldaten gegen aufrührerische Guerillas einsetzen; es kam zu Straßenschlachten, es gab Tote und Verletzte. Vorher hatte sich der König noch stark gemacht: "Ich werde in meinem Land keine Schimpansen und anderes Affenzeug dulden." Nachdem die Terroristen aber gedroht hatten, ihn in die Wüste zu jagen, schloß er mit ihnen ein Stillhalteabkommen. Es steht nur auf dem Papier.

Nicht einmal die Sowjets, obwohl weit vom Schuß und sonst Befürworter "gerechter Kriege", sehen in den Guerillas nützliche Verbündete. Ihnen behagt es nicht, daß sie Waffen aus Peking beziehen und Maos Revolutionslatein nachbeten. Überdies ist Moskau, zusammen mit Washington, an einer dauerhaften Lösung des Nahost-Konflikts interessiert. Im Gegensatz zu den palästinensischen Israel-Liquidatoren erkennen die Sowjets auch die Existenz des Judenstaates an. Darum rafften sie sich nun zu einer scharfen Rüge der illusionistischen "Befreier" auf. Ihre Pläne, so meinte die sowjetische Nachrichtenagentur Novosti, seien unrealistisch; sie könnten das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen. Im Zentrum der Kreml-Kritik stand die arabische El Fatah, die schlagkräftigste und mächtigste Freischärler-Organisation. Ihre Führer ließen "die gegenwärtige Lage im Nahen Osten und das Gleichgewicht der Kräfte in der Welt außer acht." Arabische Staaten wagen es nicht, dieser Gruppe die Leviten zu lesen. In Jordanien, wo die El Fatah ihre meisten Stützpunkte und ihr Hauptquartier hat, ist sie mittlerweile zu einem "Staat im Staate" geworden; in Ägypten, wo sie ihre Rundfunkstationen besitzt, wird sie als nützlicher Stoßtrupp gegen Israel geachtet; von Saudi-Arabien wird sie als Störfaktor gegen den Intimfeind Nasser finanziell unterstützt.

Für die Israelis freilich sind es gerade die Kommandos dieser "Eroberungs"-Organisation, die "Al Asifa" (Der Sturm), die ihnen an den Grenzen und in den besetzten Gebieten am meisten Kopfzerbrechen bereiten. Bisher konnten sie es verhindern, daß sich die Guerillas unter dem 40jährigen Arafat am Westufer des Jordan festsetzten und Dayans Koexistenzpolitik störten; es gelang ihnen aber nicht, die Aufwiegelung der Bevölkerung in einigen Städten und Bombenanschläge in Tel Aviv und in Jerusalem zu vereiteln. Gemeinsam mit den ägyptischen Störfeuer-Aktionen sorgen die Freischärler dafür, daß die Israelis nicht zur Ruhe kommen.