Essen

Durch subventionierten Ruhrkohlenrauch sollte endlich etwas Sonne dringen, damit sie im Jahr 2000 vollends hell strahle auf umstrukturiertes Ruhrland mit glücklichen Menschen.

Ruhr umstrukturiert, etwa nach dem Muster von Baden-Württemberg. Die Zauberformel hieß Ruhr EXPO 70 – eine für Mai nächsten Jahres geplante Ausstellung mit dem Thema: Ruhr von morgen. Sie hat an magischer Kraft verloren, als dem Auftraggeber, dem Ruhrsiedlungsverband bekannt gemacht wurde, was die Sache kosten soll: 8,5 Millionen Mark. Ursprünglich waren zwei Millionen dafür angesetzt.

Die Mitglieder des Ruhrsiedlungsverbandes, 18 sozialdemokratische Bürgermeister, mit je einem Oberstadtdirektor und den Stadtparlamenten ihrer freien Kreisstädte Kamp-Lintfort, Moers, Duisburg, Oberhausen, Mühlheim, Gladbeck, Essen, Marl, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Bochum, Herne, Castrop-Rauxel, Dortmund, Hagen, Lünen und Unna beschlossen vor zwei Jahren, trotz regionaler Kompetenzquerelen einmal einig zu sein, damit ihre Zukunft beginne. Sie beauftragten die Leitung ihres Verbandes, der nach preußischem Gesetz bereits seit 1920 besteht, und als Gemeindeverband "zur Verwaltung aller Angelegenheiten, die der Förderung der Siedlungstätigkeit im Verbandsgebiet dient", geeignete Ausstellungsplaner zu finden, die das EXPO-Projekt verwirklichen wollten.

Verbandspresse und ihr Informationschef Dietmar Springorum aus Essen entdeckte die Düsseldorfer Designer-Gruppe Baumann/Karsten/Körber/Mack, die für die Weltausstellung 1970 in Osaka plant. Angetan vom Designer-Chef und Werbefilmer Baumann und dessen Ideen, schlug Springorum ihn als Realisator der Ruhrschau vor. Er wurde akzeptiert und beauftragt, ein Konzept zu entwerfen. Baumann, fasziniert vom Zukunftstraum der Ruhr, konzentrierte sich vor allem auf eine möglichst effektvolle Präsentation und vergaß dabei das Kostenlimit von zwei Millionen. Vor acht Wochen schockte er nun nach einjähriger Vorbereitungsarbeit die Verbandsmitglieder mit einem Kostenvoranschlag von 8,5 Millionen. Dafür bot er für Essens Messegelände eine moderne Super-Show aus Kunststoffhallen mit Projektionsanlagen, programmierte, von Ausstellungsbesuchern selbst steuerbare Datenbänke, Computer- und Simulationszentren. Die Neugier und der Spieltrieb des Ausstellungspublikums sollten damit angeregt werden, damit es nicht wie bisher nur zum passiven Konsum verdammt ist.

Die Ruhrgebietler sollten sich ihre Zukunft gewissermaßen "erspielen" können. Inhalt: Großmodell der Region Ruhr. Rüdiger Proske entwarf die futurologische Expertise: Das Ruhrgebiet als Megalopolis, Darstellung einer neuen wirtschaftlichen, speziell industriellen Entwicklung, Darstellung der wachsenden Verkehrsnetze, neuer Verkehrsmittel, Informationen über beabsichtigte neue Bildungsschwerpunkte, neuer Fachschulen, Darstellung von räumlicher und zeitlicher Organisation der Arbeit, Bildung und Freizeit, Strategien zur Industrialisierung des Städtebaus, Elektroautos, Autoschienenbahn, tube trains, Meereskultivierung, Manifestationen von Künstlern aus dem Revier, Container- und Zellenbau, Konsumgüter aus Stahl und Kunststoff. An Zukunftsvisionen war kein Mangel.

Die Verwaltung des Jahres 1969 aber bremste das alles mit dem Telegramm, "Arbeit sofort stoppen". Die "EXPO 70" findet nicht statt. Die Zukunft hat noch nicht begonnen, sie ist vertagt. Es zündeln wieder regionale Eifersüchteleien. Man will es billiger, man will die Ausstellung in Essen, man will sie nicht in Essen, man will sie in Dortmund, man will sie überall, vielleicht als Wanderausstellung, vielleicht an jedem Ort eine eigene kleine "EXPO".

Karin Zeller