Die Wiener Theatersaison, bisher nicht eben reich an Höhepunkten, kulminierte dieser Tage mit Pavel Kohouts jüngstem Stück. "August August, August", vor rund zwei Jahren vom Prager Theater in den Weinbergen uraufgeführt, kam nun im Akademietheater erstmals deutsch heraus. Hier wie dort war dasselbe Team am Werk – Jaroslaw Dudek als Regisseur und Sbynek Kolař als Bühnenbildner. Damals stand man noch vor dem Prager Frühling, heute liegt er bereits weit zurück. "August August, August": das klingt ein wenig nach den Augustereignissen in der ČSSR, und obwohl ein solcher Zusammenhang unbeabsichtigt besteht, liegt doch der Ton auf der ersten Silbe. Der erste "August" ist Vorname, der zweite Familienname, der dritte, durch ein Komma davon getrennt, der Beruf. Ein Zirkusstück also, das Abenteuer einer Clownfamilie, mithin ein schauspielerischer Leckerbissen, an dem sich die großen Mimen der Burg nicht wenig delektieren. Doch wird man von Kohout nicht erwarten, daß es ihm nur um Komödiantenfutter zu tun war. Vielmehr gehört sein Stück jener Gattung des chiffrierten Theaters an, die in Osteuropa, vor allem aber in der Tschechoslowakei, gedeiht und die ein Publikum voraussetzt, das die Chiffren zu lesen, die Anspielungen zu kapieren versteht.

Dieser August, aus dem in Wien Josef Meinrad eine hinreißend doppelbödige Figur gemacht hat, jagt einem großen Traum nach: einmal möchte er die acht Lipizzaner des Herrn Direktors in der Manege vorführen. Bei diesem Ehrgeiz versteht der Boß (Fred Liewehr verkörpert ihn) August zu packen. Es gibt nichts, was der Clown nicht täte, um ins Innere des Systems aufzusteigen, Direktor zu werden, an die geliebten Hengste heranzukommen. Er schafft sich Weib und Kind an (Inge Konradi und Ernst Anders), steckt geduldig Ohrfeigen ein, erfindet eine "Arbeiterei", in der er dann schuftet, um Geld zu verdienen. Er läßt sich sogar zum Soldaten machen, nachdem man ihm eingeredet hat, ein Pferdefleischhauer habe begehrlich nach den Lipizzanern geschielt und dabei hörbar. geschmatzt. Daß ein Mann mit der Phantasie Augusts alle Hürden überrennt, verblüfft sogar den bislang so siegesgewissen Herrn Direktor. Er gewährt ihm schließlich die große Lipizzaner-Nummer, aber statt der Pferde läßt er die Tiger in die Manege. Im Dunkel hört man die Angstschreie der Auguste – dann ist alles vorbei. Die große Schlußparade kann mit gewohntem Zirkusglanz über die Szene rollen – nur eben ohne die Clowns.

Das ist eine brillante Seiltänzernummer – auch von seiten des Autors. Die Zirkusvorstellung mit Trapezkünstlern, Kunstschützen und Zauberkunststücken rollt im Vordergrund ab. Daß das Burgtheater sogar über einen Haus-Liliputaner verfügt, den liebenswerten Fritz Hackl, der kürzlich in Nestroys "Unbedeutendem" richtig Furore machte, kommt der Show zustatten. Im Hintergrund wird hinter all dem Flitter und den bunten Lichtern die Tragödie sichtbar, die Josef Meinrad in seinen melancholischen Lazzi ergreifend antönt: die Geschichte von dem Spaßmacher, der alles, aber auch alles zu opfern bereit ist, um nur dazuzugehören, und der dann so blind in die Falle rennt, die ihm im Raubtierkäfig gestellt wurde.

Im Burgtheater hat Kurt Meisel Shakespeares "Coriolan" neu inszeniert. Da er seinerzeit auf derselben Bühne auch "Die Plebejer proben den Aufstand" herausgebracht hat, durfte man auf seine zweite Annäherung an das Thema gespannt sein. Mit Walter Reyer in der Titelrolle, mit Ewald Balser, Liselotte Schreiner und Michael Janisch hatte er einigen Besetzungsglanz anzubieten. Meisel ließ den ganzen Abend auf einer die Bühne ausfüllenden Treppe spielen, was ihm unter anderem den Vorteil bot, den Kampf zwischen oben und unten durch ein optisches Symbol ausdrücken zu können. "Coriolan" ist das einzige Werk Shakespeares, in dem ausführlich von Kornpreisen und von den "Handarbeitern von Rom" die Rede ist. Als ein Drama der sozialen Spannungen hat es Kurt Meisel inszeniert. Die Gefahren der Methode zeigten sich gegen Schluß, wo das private Drama des Verräters gefährlich durchhing.

Die Josefstadt gilt seit Jahren als die österreichische Anouilh-Bühne, und so erscheint es verständlich, daß sie eine Ehrenrettung für das in Berlin nicht eben freundlich aufgenommene jüngste Opus "Bäcker, Bäckerin und Bäckerjunge" unternahm. Das Ensemble, auf kammermusikalisches Zusammenspiel und die Kunst der Nuancen getrimmt, prädestiniert sie dazu, und Michael Kehlmann verzichtete auf alle Pop-Effekte, servierte Anouilh à la nature. Das bekam dem Stück nicht schlecht. Die Tagträume, in denen Vater, Mutter und Kind ihre Phantasie spielen lassen, lebten nicht von der Überzeichnung, sondern hatten einen fast romantischen Ton. Ergebnis: durch dieses Spiel der Illusionen drang der grimmige, bärbeißige Humor einer "pièce grinçante" mit vernehmbarer Bitterkeit hindurch. Eine Schwerpunktverlagerung ergab sich auch durch die Besetzung: der frustrierte Bürolöwe war einem Charakterkomiker wie Fritz Muliar anvertraut worden, der nun mit Grete Zimmer seine ehelichen Zimmerschlachten absolvierte. Vielleicht liegt der Unterschied einfach darin, daß man in Wien (und insbesondere an der Josefstadt) lieber Schauspieler- als Regisseurtheater macht. Und wenn auch "Bäcker, Bäckerin und Bäckerjunge" nicht den Rang der großen Anouilh-Komödien aufweist, hat sich doch die Methode in diesem Falle nicht schlecht bewährt.

Zur Zeit bietet also Wien kein übles Bild, solange man sich im sicheren Gehege der Theater aufhält. Schlimm wird es nur, wenn man die Stadt außerhalb ihrer kulturellen Institutionen betrachtet, denn Wien ist emsig daran, mit der Spitzhacke gegen sein eigenes Profil zu Felde zu ziehen. Daß der Stadt die Schrecken eines U-Bahn-Baues bevorstehen, unterscheidet sie zwar nicht von anderen europäischen Städten vergleichbarer Größenordnung. Daß bei der großen Demolierung aber auch die Stadtbahnbauten Otto Wagners in die Schußlinie geraten sind, ist bedenklich. Sie sind, wenngleich verwahrlost und im Laufe der Jahre vielfach lieblos umgebaut, immer noch bemerkenswerte Baudenkmäler des Jugendstils. Gerade 50 Jahre nach Otto Wagners Tod war es soweit, daß die Station Meidlinger Hauptstraße geschleift wurde. Architekten und Studenten führten damals eine Demonstration an, mit dem Ergebnis, daß heute von diesem Jugendstilbau nichts mehr übrig ist. Dafür gerieten andere Objekte aus einer der interessantesten Bauepochen Wiens in Gefahr. Am Karlsplatz, nächst der Oper, wo einer der größten unterirdischen. Verkehrsknotenpunkte entstehen soll, wurden die Pläne so erstellt, daß der von Otto Wagner dort errichtete Doppelbau verschwinden muß. Eines, zumindest hat die Protestwelle inzwischen erreicht: man prüft zur Zeit, ob der bauliche Zustand der Station es gestattet, sie abzutragen und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Wer Wiens Baustrategen kennt, knüpft an diese Versprechung nicht allzuviel Hoffnung. Etliche andere Otto-Wagner-Bauten sind ebenfalls in die Gefahrenzone gerückt. Immerhin stehen die Stadtparkstation und der Hofpavillon Schönbrunn, auf dem einst der Kaiser in die Stadtbahn stieg, unter Denkmalschutz.

Aber auch am Stephansplatz wird munter demoliert, und diesmal ist die Erzdiözese federführend. Als vor etlichen Monaten ein Barockpalais in der Wollzeile, wenige Meter vom Dom entfernt, niedergerissen wurde, ahnten die Wiener noch nicht, was hier geplant war, denn man hatte das Bauvorhaben an die kleinste Glocke gehängt, die im Dombereich aufzutreiben war. Ein wenig verschämt kam es dann heraus, daß hier ein Autosilo mit 22 Plattformen erstehen sollte. Die Einfahrt ist knapp vor dem Stephansdom, gegenüber der Capistrankanzel, geplant: eine Betonschnecke, über die man unterirdisch in das künftige Hochhaus gelangen soll, Soviel Geschäftstüchtigkeit löste in Wien heftige Proteste aus. Sie wurden auch durch die Versicherung nicht beschwichtigt, daß man hinterher, vor dem künftigen Neubau die vormalige Barockfassade wieder neu aufrichten wolle.