Das Problem, vor dem wir stehen, ist die Notwendigkeit der Befreiung nicht von einer armen Gesellschaft, nicht von einer zerfallenden Gesellschaft, nicht einmal in erster Linie von einer terroristischen Gesellschaft, sondern von einer Gesellschaft, die in großem Maße die materiellen und sogar die kulturellen Bedürfnisse entwickelt – eine Gesellschaft also, die, einem Schlagwort zufolge, einen immer größeren Teil der Bevölkerung an ihren Gütern teilhaben läßt. Herbert Marcuse

Das Schönste

Der sowjetische Komponist Dmitrij Schostakowitsch hat soeben seine vierzehnte Symphonie beendet. Der Gedanke zu seinem neuen Werk, sagte Schostakowitsch in einem Prawda- Interview, sei ihm bei der Orchestrierung des Gesangszyklus "Lieder und Totentänze" von Mussorgskij gekommen. Hauptthema seines neuen Opus seien Liebe, Leben und Tod: Das Wichtigste im Leben sei die Widmung aller Kräfte an "das Schönste in der Welt", an den "Kampf für die Befreiung der Menschheit". Die neue Symphonie ist für Streichorchester, Schlaginstrumente, Sopran und Baß geschrieben. Zu Beginn der neuen Konzertsaison wird das Moskauer Kammerorchester Rudolf Barschai die Symphonie. uraufführen. Die nächste Komposition, an der Schostakowitsch arbeitet, ist ein Oratorium zu Ehren des 100. Geburtstages von Lenin. Vielleicht wird wenigstens anschließend die 13. Symphonie auf einen Jewtuschenko-Text, die bislang ein Partei-Verdikt traf, auch weiteren Kreisen bekannt werden können.

Funkstille

Die Rundfunkhörer in aller Welt werden in diesem Jahr auf Übertragungen von österreichischen Festspielveranstaltungen verzichten müssen. Der österreichische Rundfunk hat beschlossen, Übertragungen von Festspielveranstaltungen an ausländische Rundfunkstationen, so vor allem von den Salzburger Festspielen, einzustellen. Die Maßnahme hat ihre Ursache in der Gewerkschaftsforderung auf Erhöhung der Zusatzgagen für Künstler, die an den durch den Rundfunk ausgestrahlten Opern, Konzerten und Schauspielen teilnehmen. Was wird nur Herbert von Karajan dazu sagen, dessen Optimal-Utopie doch auf der Mitwirkung der technischen Medien basiert?

Preis-Verweigerer

Hat jetzt auch Kanada seinen Fall Weigand? Der Francö-Kanadier und Quebec-Separatist, der Schriftsteller Hubert Aquin, hat den Governor-General’s Award – den kanadischen Pulitzer-Preis – abgelehnt, weil er gegen seine "politischen Prinzipien" verstoße. Der 39jährige Romancier sollte den Preis von 10 000 Mark für seinen Roman "Trou de Mémoire", der aus dreihundert 1968 publizierten Werken ausgewählt wurde, erhalten. "Mein Gewissen", aber sagte Hubert Aquin, "sollte mit meinem politischen Engagement, das ich öffentlich bekundet habe und weiterhin bekunden werde, übereinstimmen. Ich habe dem Generalgouverneur in einem Brief meine offizielle Zurückweisung des Preises mitgeteilt." Falls der Sezessionist am Ende den Preis vielleicht doch noch nimmt, könnte er immerhin das "Freie Quebec" damit unterstüzen.