Von Joachim Fink

Mainz

Des deutschen Bürgers Halb- und Unterweltbild, gestaltet vorzugsweise von „Babeck“, Bild und „XY“-Zimmermann, wackelt bedenklich. Was gestern noch Millionen bewegte, wird heute ungeniert als „Quatsch“ abgetan. Dr. Sardo und seine Lebach-Mörder, denen „unsere“ Kripo doch schon so dicht auf den Fersen zu sein schien, haben sich vorerst in Luft aufgelöst.

Jener Mann indes, der den Lebacher Mafia-Ballon erst zu seiner wahren. Größe aufpustete, indem er aus einer vagen Hypothese der ratlosen Kriminalisten die dramatische „Verhinderung noch größerer Verbrechen“ durch eine Fernsehsendung werden ließ, wird – so glauben Leute, die ihn gut kennen – auf alles eine Antwort haben. Eduard XY-Zimmermann wird es seinen Kritikern, sicherlich wieder mit dem sorgenvoll gefurchten Antlitz des um die schreckliche Last des Verbrechens in dieser Welt Wissenden, in der nächsten Sendung schon geben.

An Kritikern ist allerdings kein Mangel. Nach Nordrhein-Westfalens Willi Weyer hat nun auch der rheinland-pfälzische Innenminister August Wolters gemurrt. Er werde, so verriet er in kleinem Kreis, mit seinen Kollegen beraten, „was da zu tun ist“. So jedenfalls wie in der Lebach-Sendung der Serie„ Aktenzeichen XY... ungelöst“ gehe es nicht. Der Minister hatte die Sendung nicht selber gesehen, aber die Klagen aus den Reihen seiner Mitarbeiter konnte er nicht überhören.

„Was da zu tun ist“, kann natürlich nicht ein Eingriff in die Sendung des Zweiten Deutschen Fernsehens sein, sondern allenfalls eine freundliche Empfehlung an die Polizei des Landes, etwas zurückhaltender zu sein, wenn sie sich mit ihren Sorgen dem Eduard Zimmermann anheim gibt, der nach neuesten Erhebungen in der Zuschauerbeteiligung alle seine Showmaster-Kollegen von Kulenkampff bis Lou van Burg überflügelt hat.

Wer eigentlich der Vater der grandiosen XY-Lebach-Idee war, wird wohl im dunkeln bleiben. Generalbundesanwalt Ludwig Martin, so heißt es, habe gegen erbitterten Widerstand im eigenen Hause dem Vorschlag des Chefs der Lebach-Sonderkommission, Oberstaatsanwalt Buback, zu einer Fernsehsendung mit der Mafia-Theorie (die nur eine unter sehr vielen mehr oder weniger unwahrscheinlichen war) zugestimmt.

Schon während der Sendung, so hört man, hatten sich Fachleute vor Vergnügen (oder Entsetzen) auf die Schenkel geschlagen. Der in Sachen Crime nicht ganz unkundige Schriftsteller Frank Arnau begründete sarkastisch, warum gar keine Chance mehr bestehe, die Lebach-Täter – falls sie der Mafia angehören – überhaupt noch zu fangen. Für solche Tatausführung wie in Lebach werde man bei der richtigen Mafia sofort mit dem Tode bestraft und hingerichtet.

Nichts paßte hier zusammen. Ein Berufskiller, der für einen Mord einen Schuß und sieben Messerstiche benötigt. Ein Franzose, der stilistisch, grammatikalisch und bürotechnisch lupenreine deutsche Erpresserbriefe schreibt. Eine offenbar große Bande, die monatelang mit riesigem Aufwand Verbrechen vorbereitet, ohne eine reelle Chance auf irgendwelche Beute zu haben. Und schließlich eine Mafia-Führung, die nicht bedenkt, daß gerade in der Bundesrepublik jene unersetzliche gesellschaftliche Basis für großangelegte Erpressungsaktionen fehlt – nämlich zu geringes Vertrauen in die Unbestechlichkeit der Polizei.

Jetzt heben auch andere die Köpfe zur Kritik. In Wiesbaden konstatiert man bei führenden Kriminalisten eine gewisse Verwunderung darüber, daß Eduard Zimmermann neuerdings immer häufiger Fälle, die man ihm vorschlage, nur deswegen ablehnt, weil sie ihm nicht genügend Chancen auf sofortigen Erfolg zu bieten scheinen. Neuer Spitzname: „Aktenzeichen XY ... fast gelöst.“

In Fritzlar, wo sechs Tage nach der letzten „XY“-Sendung der dort gesuchte, des Mordes verdächtigte Klaus-Dieter Rettemeyer (28) festgenommen wurde, ist man deutlich verschnupft über die Automatik, mit der einige Tageszeitungen diesen Erfolg der örtlichen Polizei dem Hinweis eines Zimmermann-Fans zuschrieben. Rettemeyers Festnahme hatte mit der Sendung in Wahrheit nichts zu tun. Polizisten kontrollierten den herumstreunenden jungen Mann, weil er ihnen verdächtig vorkam.

Dennoch scheint die „XY“-Epidemie nicht mehr aufzuhalten. Auf einer Kriminalistentagung in Wiesbaden berichteten Gäste aus der Schweiz, daß dort ein druckfertig vorliegendes kriminalwissenschaftliches Werk über die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bevölkerung in den Papierkorb wanderte, weil die Übernahme der Zimmermann-Sendung in der Schweiz die gesamte Situation verändert habe.

Es sei, so berichtet der Schweizer Gewährsmann, geradezu eindrucksvoll, wie schnell und leicht der in der Schweiz traditionell besonders hohe Damm der Hemmungen vor derartigen Zurschaustellungen hinweggespült worden sei. Die Mitarbeit des Publikums nach der Sendung sei fast „überwältigend“ gewesen.

In der Bundesrepublik beginnen einige Polizeidienststellen bereits zu klagen. Die Nacht zum Samstag nach „XY“ sei die Hölle. Eine Frau in einer süddeutschen Großstadt habe beispielsweise schon zum drittenmal angerufen. Jedesmal bezichtige sie ein und denselben Herrn, einer der von Zimmermann Gesuchten zu sein. Beim letztenmal habe sie gesagt: „Jetzt, weiß ich, daß es Dr. Sardo ist.“ Und nicht immer, sei es so leicht, wie hier, das Psychopathische eines solchen Hinweises sofort zu erkennen.

Schließlich klagen jene, denen eine Reform von Strafrecht und Strafvollzug am Herzen liegt. Zimmermanns gespielte Tatabläufe suggerierten, so sagen sie, dem Zuschauer immer einen ganz bestimmten Tätertyp. Er kommt aus dem Dunkel. Er schlägt blitzschnell zu. Er verschwindet. Er hat, wenn überhaupt, nur absolut böse Motive. Er ist kein Mensch, sondern ein Verbrecher. Es ist jener Typ, der die Massen an die Todesstrafe denken läßt.

Wie leicht die Leute bereit sind, Suggestionen dieser Art zu folgen, zeigen die Bürger des Dorf-, chens Harheim im Norden Frankfurts, wo der des vielfachen Mordes in Griechenland verdächtigte Hermann Duft (dessen Taten, wenn sie sich wie geschildert zugetragen haben, erstaunlich dem Ablauf von Lebach gleichen) zu Hause war. Er könne nichts Nachteiliges über Duft sagen, versicherte der Bürgermeister einem Fernsehreporter. Außer vielleicht, daß Duft als einfacher Schlosser einen Mercedes gefahren, auch bei trübem Wetter eine Sonnenbrille getragen und bei Waldläufen des Sportvereins auf seltsame Weise das Ziel von der falschen Seite erreicht habe. Das hätte die Bürger natürlich stutzig machen müssen.

Tröstlich scheint indessen, daß Zimmermanns Zuschauer sich selbst zu helfen verstehen. Was der Meister nicht schafft, dafür sorgen schon die Jünger. Einwohner von Altenburschla im Kreise Eschwege jedenfalls wissen es besser, wenn die Welt sich um das spurlose Verschwinden des Dr. Sardo bekümmert. Sie haben Dr. Sardo beobachtet, wie er – wie könnte es anders sein – über die Zonengrenze in die DDR verschwand.