Die Voranzeige von Jacobsens Buch erweckte berechtigterweise große Erwartungen. Wie wird dieser auf tausend Jahre berechnete Abschnitt unserer Zeitgeschichte, von dem man zwölf erschütternde miterlebt hatte, sich im sammelnden und klärenden Licht der Wissenschaft ausnehmen? Hatte man nicht verzweifelt und vergeblich nach dem Sinn und Ziel so vieler Aktionen gefragt und den Charakter der Akteure zu ergründen versucht? Endlich wollte ein Verfasser die Außenpolitik des Dritten Reichs, also wohl die aktive Gestaltung seines Verhaltens zu den Nachbarvölkern und Weltmächten, "methodisch grundlegend nachweisen".

Konnte man denn aber von einer nationalsozialistischen Außenpolitik schon in den Jahren 1933–1938 sprechen? Hitler selbst war doch ihr Motor und Träger, und gerade in dieser Zeit war er mit ganz anderen Fragen beschäftigt, auf ganz andere Ziele eingestellt als eine ihm völlig fernliegende, ja fremde und deswegen in seine Gedankenplanungen und Entschlüsse gar nicht einbezogene Außenpolitik. Er war zunächst folgerichtig ganz davon erfüllt, die Partei organisatorisch und wirtschaftlich, dann aber auch weltanschaulich auf feste Grundlagen zu stellen und den Staatsapparat mit seinen Anhängern zu durchsetzen. Gewiß hatte er bestimmte außenpolitische Vorstellungen, die, wenn wir nach ihnen forschen, schon in "Mein Kampf" zu finden sind. Es waren wesentlich Auseinandersetzungen mit dem Kommunismus, dem Judentum und damit zusammenhängend dem internationalen Kapital.

Bei seiner parteiorganisatorischen Tätigkeit beschränkte er sich zunächst darauf, die Verwaltung samt der ihr unterstellten Polizei und die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen, wie es Jacobsen bezeichnet, zu durchdringen. An zwei Behörden – Finanzministerium, Auswärtiges Amt – wagte er sich noch nicht heran, einfach weil er sich auf dem Gebiet ihrer Tätigkeit infolge eigener Vorstellungen und aus Mangel an Parteiexperten nicht sicher fühlte. Mit außenpolitischen Fragen hatte ihn eingangs der zwanziger Jahre nur der in München studierende Estländer Rosenberg befaßt. Rosenbergs mythische Geschichtsphilosophie, sein Antisemitismus und die mit zahllosen gelehrten Einzelheiten überladenen rassischen und sonstigen Theorien boten sich aber nicht für eine irgendwie geartete außenpolitische Praxis an.

Der erste außenpolitische Schritt Hitlers und der Partei war es deswegen, das Auswärtige Amt, dieses Bollwerk eines überständigen Konservatismus und einer verknöcherten Bürokratie, zu unterwandern. Außenminister war der von Hindenburg als gut aussehender Hauptmann d. R. geschätzte Freiherr von Neurath, dessen Rufes im Ausland man nicht entraten konnte, Staatssekretär der jüngere Bernhard von Bülow, nach Charakter und Fähigkeit in der Lage, Parteibestrebungen zu begegnen. Leider starb er 1934 knapp fünfzigjährig.

Jacobsen hat sehr wohl bemerkt, wie wenig sich Hitler damals für Außenpolitik interessierte (und nach ihm richtete sich die Partei!): Nur ein paar Seiten vermag er der England-, Balkan- und Ostpolitik zu widmen, während, verständlicherweise, 600 von den fast 1000 Seiten des Buches der Entwicklung der einzelnen außenpolitischen Organisationen der Partei und deren Kampf gegen bestehende ähnliche Strukturen eingeräumt sind. Über die Fülle derartiger Organisationen gibt dankenswerterweise ein Verzeichnis von 130 Abkürzungen Auskunft. Der Streit der Behörden um die Macht, keineswegs um politische Grundlinien, Erkenntnisse und Ziele, wird uns in einer in der Literatur bisher nicht erreichten Vollständigkeit durch die Geschichte der Machthaber vorgeführt. Das Buch wurde damit nicht zuletzt auch zu einem wertvollen "Wer ist’s?" oder besser "Wer war’s?" der kleinen und großen Akteure des Nationalsozialismus auf außenpolitischem Gebiet, der Ribbentrop, Rosenberg, Steinacher, Lorenz, Haushofer und vieler anderer mehr.

Die Frage also, ob es in jenen Jahren eine Außenpolitik gegeben hat, die über die Behördenstrukturierung, Planungen, Ziele und Wünsche hinausgegangen sei, also ob auf Grund solcher Auseinandersetzungen echte außenpolitische Entschlüsse gefaßt und Planungen vollendet worden wären, beantwortet sich von selbst, wenn man das schwankende Charakterbild Ribbentrops und Rosenbergs betrachtet. Es ist dabei entschieden der Auffassung Hans-Adolf Jacobsens beizupflichten, daß Ribbentrop als Außenminister stets nur auf Hitlers gelegentliche Äußerungen oder Gedankensätze gelauscht hat, um sie ihm dann ausgearbeitet wieder vorzuschlagen. Diese seine Tätigkeit liegt aber vornehmlich in der Zeit nach 1938; im Sinne der partisanenbedrängten Armee hat er etwa vorgeschlagen, die Russen im eroberten Gebiet vernünftig zu behandeln (statt das Land in seine Bestandteile zerlegen zu wollen) und sich dazu des ungewöhnlich fähigen Generals Wlassow zu bedienen. Den persönlich mit Begeisterung aufgenommenen Vorschlag ließ er aber sofort fallen, als er Hitler desinteressiert in der Denkschrift blättern sah.

Was erfahren wir sonst aus dem mit Bienenfleiß kompilierten Buch? Die gehässigen Auseinandersetzungen zwischen den Parteistellen, die heimtückische Erledigung des VDA, des Volksdeutschen Rates, des Vereins für das Deutschtum im Ausland, des Büro Kursell und anderer Strukturen sowie deren Schöpfer. Mit Außenpolitik haben sie nicht das geringste zu tun. Die Tätigkeit dieser Stellen bestand in Reisen, propagandistischen Erklärungen und Ausarbeitungen, die zu einem erheblichen Teil nicht einmal den Führer erreichten.