Von Arthur Jores

Gewiß wird ein jeder Leser des Berichtes über das Leiden und den Tod von Mary Lou tief berührt sein, und sicher werden viele den Schlußfolgerungen dieses Berichtes, es wäre nun wirklich an der Zeit, unter bestimmten Bedingungen den Tod eines solchen Menschen herbeizuführen, zustimmen. Der Verfasser des Artikels geht dabei von der Annahme aus, daß es im wesentlichen nur unsere christliche Erziehung sei, jenes Gebot "Du sollst nicht töten", das die als Euthanasie bezeichnete Tötung eines Menschen verhindert. Er bemüht sich nachzuweisen, daß es in der Bibel Fälle von geforderter Tötung, ja solche von Selbstmord, gibt; diese sowie mehr philologische Sachverhalte lassen es unwahrscheinlich erscheinen, daß die Ablehnung der Euthanasie in der Bibel eine wirkliche und echte Unterlage finde.

Die entscheidende Frage ist aber die, ob wirklich nur das sechste Gebot die meisten Ärzte daran hindert, solches zu tun. Lorenz hat in seinem bekannten Buche "Das sogenannte Böse" nachgewiesen, daß überall in der Tierwelt Tötung innerhalb derselben Art durch instinktiv bestimmte Rituale verhindert wird. Beim Menschen bestehen derartige Einrichtungen laut Lorenz nicht, aber ich glaube, diese Meinung muß etwas revidiert werden. Sicher ist beim Menschen nur eines, daß die vorhandenen Hemmungen verhältnismäßig leicht durchbrochen werden können, so im Kriege, aber auch dieser ist nur dann möglich, wenn der Feind vorher verketzert wird.

Auch der Mörder in unserer Gesellschaft hat dieser Gesellschaft und einzelnen Menschen gegenüber die Haltung der Ablehnung und Opposition. Der Triebverbrecher wird von seinen Trieben völlig überwältigt. Etwas von dieser auch im Menschen vorhandenen instinktiven Hemmung zum Töten hat ja auch Mary Lou verspürt, wenn sie es nicht fertigbrachte, den Chirurgen um diese Tötung zu bitten, und sagte: "Wie könnte ich es meinem Bruder zumuten, das Leben eines Brudermenschen zu nehmen."

Hier wird sehr gut gesagt: Töten kann ich nicht, wenn ich den anderen als Bruder erlebe. Deswegen ist die Verunglimpfung des Feindes eine unbedingte Voraussetzung für den Krieg. Ein Krieg innerhalb der Volker Westeuropas wird sich nicht mehr ereignen, weil diese Völker sich zu nahe gekommen sind und einander trotz anderer Sprache und anderer Sitten heute als Brüder erleben. Der Krieg überhaupt wird überwunden sein, wenn es möglich ist, daß alle Menschen sich als Brüder empfinden.

Gewiß ist es besonders schwer, nahe Angehörige leiden zu sehen. Aber das Leid eines Menschen in seiner Todeskrankheit kann von dem anderen kaum wirklich ermessen werden. Die Todeskrankheit setzt den inneren Widerstand, das Sichauflehnen – beides Haltungen, die Schmerzen intensiver machen – deutlich herab. Sie setzt auch das Bewußtsein herab. Wir Gesunde, die wir danebenstehen, neigen dazu, uns mit dem Kranken zu identifizieren, und so erscheinen in der vollen Wächheit unseres Eigenbewußtseins die Schmerzen sehr viel intensiver, als sie von dem Betreffenden selbst erfahren werden. Wie intensiv Mary Lou wirklich gelitten hat, kann niemand ermessen.

Nun meint Paul Moor, daß es. ein Akt der Barmherzigkeit sei, solches Leben abzukürzen. Der Arzt greift ja heute in das Leben vieler Menschen entscheidend ein und ist in der Lage, es zu erhalten und zu verlängern. Warum sollte er dann nicht, wie in dem hier geschilderten Falle, auch das Gegenteil tun dürfen?